„Utopien und Apokalypsen“ im Wiener Literaturmuseum

„Utopien und Apokalypsen“ - ein Zukunftsthema mit starkem Gegenwartsbezug. Nicht ohne Grund wies die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB), Johanna Rachinger am Mittwoch auf die „besondere Aktualität“ der neuen Ausstellung im Literaturmuseum hin, die ab Donnerstag zugänglich ist. Die Auseinandersetzung mit der Zukunft spiegle stets die Haltung zur Gegenwart wider, betonten die Kuratorinnen Kerstin Putz und Katharina Manojlovic.

Ein Jahr lang beschäftigte man sich bereits mit der Thematik, als kurz vor dem für 2. April geplanten Start der Lockdown kam. „Alles war fertig, wir hätten nur noch die Objekte einbringen müssen“, so Manojlovic im Gespräch mit der APA. Immerhin erwies sich das Konzept als äußerst tragfähig und musste angesichts der aufkommenden Debatten rund um die Coronakrise nicht adaptiert werden. „Krisenzeiten zeichnen sich aus, dass dunkle und helle Strömungen gleichermaßen vorhanden sind. Das hat auch Corona wieder gezeigt“, sagte Putz. „Es ist uns bewusst geworden, welche Tiefendimensionen diese Pandemie hat“, ergänzte Literaturmuseums-Leiter Bernhard Fetz. „Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, der Überwachungsstaat, die Planbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft - alle Diskussionen, die wir jetzt führen, finden sich auch in der Ausstellung.“

Erneut wurden die Holzregale der ehemaligen Archivräume gestalterisch wunderbar genutzt (Gestaltung: Olaf Osten). Eine Kunstinstallation von Klaus Wanker („Insel der Seligen (GIER)“) verbreitet gleich im Eingangsbereich eine unheimliche Aura. Zukunft ist nicht selten auch angstbehaftet, ob es um Maschinen oder Außerirdische geht, um Natur- und Klimakatastrophen, um Atomwaffen, Kometen oder Kriege. Viele Manuskripte - darunter Ernst Jandls Entwurf für „Apocalypse Soon“ - und Typoskripte (wie zu Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesung „Literatur als Utopie“ oder Gerhard Rühms „botschaft an die zukunft“) sind zu finden, naturgemäß zahlreiche Bücher (von Thomas Morus‘ „Utopia“ über eine wertvolle Ausgabe von Boccaccios „Decamerone“ bis zu Ann Cottens „Lyophilia“), aber auch eine barocke Landkarte des Schlaraffenlandes.

Wie immer hat man auch andere Medien einbezogen: In Video-Interviews machen sich Thomas Macho, Ilija Trojanow, Kathrin Röggla und Eva Horn aktuelle Gedanken über die Zukunft, man kann u.a. einer Lesung von Thomas Glavinic‘ Roman „Die Arbeit der Nacht“ zuhören, der Musikerin Eva Jantschitsch („Gustav“) lauschen, die „Alles renkt sich wieder ein“ singt, aber auch in einem Video die Wandlungsfähigkeit von Helmut Qualtinger bestaunen, der sich 1970 in verschiedenen Rollen über die Zukunft Österreichs Gedanken machte. „Fröhliche Apokalypse“ heißt daher der Abschlussraum, von dem man ins „Zukunftslabor“ gelangt. Hier empfängt einen u.a. eine „pandemische Handbibliothek“ mit historischer wie aktueller Literatur.

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Die Österreichische Nationalbibliothek habe in ihren musealen Bereichen nach dem Wieder-Aufsperren ein Besucher-Minus von rund 90 Prozent zu beklagen gehabt, schilderte Generaldirektorin Rachinger im APA-Gespräch, Ende des Sommers habe sich das ein wenig erholt, mit den jüngsten Reisewarnungen seien die Besucherzahlen jedoch wieder „rapide runtergegangen“. Finanziell wirke sich aber vor allem die fast komplette Stornierung aller Einmietungen aus, die ein wesentliches Profit Center der ÖNB darstellten. Nachdem man aber nach dem Prinzip „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ gewirtschaftet habe, könne man auf rund 10 Mio. Euro Rücklagen zurückgreifen, habe daher die Kurzarbeit auch nur zwei Monate in Anspruch genommen und brauche heuer aufgrund des von ihr verordneten strikten Sparkurses auch keine zusätzlichen Mittel. Die Lesesäle habe man im Juni als erste wissenschaftliche Bibliothek wieder geöffnet, schilderte Rachinger. Aufgrund der Abstandsregeln betrage dort die Platzkapazität derzeit nur rund die Hälfte.

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