Krisenmanagement und Abreise-Chaos: Großer Lostag für Ischgl, Platter und Tilg

Die Expertenkommission wird morgen Montag den Ischgl-Untersuchungsbericht vorlegen. Dessen Ergebnis kann vieles verändern – oder auch nicht.

Après-Ski in Ischgl: seit Corona und dem an den Tag gelegten Krisenmanagement in Tirol der Inbegriff einer Virenschleuder.
© Böhm

Von Peter Nindler und Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz ist schuldig. Land­ecks Bezirkshauptmann Markus Maaß ist schuldig. Ebenso Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber und natürlich allen voran „Wir haben alles richtig gemacht“-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP). Das öffentliche und mediale Urteil über das Krisenmanagement zum Corona-Ausbruch im „Ballermann“-Skiort Ischgl sowie dessen Bekämpfung ist längst gefällt worden.

Kommissionsvorsitzender Ronald Rohrer.
© APA

Lange, bevor am Montag der Untersuchungsbericht der Ischgl- Expertenkommission veröffentlicht wird. Dafür ist seit März zu vieles ans Tageslicht gekommen, das für berechtigte Kritik, ungläubiges Staunen, Empörung und Rücktrittsaufforderungen gesorgt hat. Ischgl steht international synonym für ein behördliches und politisches Multiorganversagen. Mit freundlicher Unterstützung der hiesigen Tourismuswirtschaft.

Spät, viel zu spät, hat das Land Fehler eingeräumt. „Es tut uns leid“ – das kam erst Monate danach und auch dann erst auf Nachfrage. Konsequenzen sind bis dato ausgeblieben. Auch, weil Landeshauptmann Günther Platter (VP) zuerst den Bericht des Kommissionsvorsitzenden Ronald Rohrer abwarten wollte. Das Buch von hinten zu lesen, sei halt einfacher, betete Platter Mantra-artig vor. Nun: Am Montag erhalten Landesregierung wie Opposition mit dem Expertenbericht genau diese Möglichkeit.

📽️ Livestream auf TT.com

Die Präsentation des Berichts der Rohrer-Kommission zum Corona-Krisenmanagement in Tirol übertragen wir am Montag ab 13 Uhr live auf TT.com.

Auf dem Weg dorthin haben sich freilich weder die schwarz-grüne Landesregierung noch die Opposition mit Ruhm bekleckert. Sogar die Bestellung Rohrers, ehemaliger Vizepräsidenten des Obersten Gerichtshofs (OGH) und einstiger Verfahrensrichter des Eurofighter-U-Ausschusses, war nichts anderes als eine Notgeburt.

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Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP).
© Thomas Boehm / TT

Keine 24 Stunden hatte der Landtag nämlich am 13. Mai mit den Stimmen von ÖVP, Grünen und SPÖ etwas ganz anderes beschlossen. Nämlich, dass Ex-Strafrichter und Fußballverbandspräsident Josef Geisler den Vorsitz innehaben sollte. Der Schönheitsfehler: Geisler, von SP-Vorsitzenden Georg Dornauer von Anbeginn hierfür gepusht, war nie gefragt worden, ob er denn diese Aufgabe übernehmen wolle. Wollte er dann auch nicht, wie er im TT-Interview kundtat. Ergo zauberte Platter Rohrer aus dem Hut. Die Landesregierung setzte ihn und somit auch die Kommission ein. Was ihr den oppositionellen Vorwurf einer „Regierungs-Kommission“ einbrachte.

In derselben Landtagssitzung stellte Schwarz-Grün übrigens Tilg einen Vertrauens-Blankoscheck aus. FPÖ, NEOS und die Liste Fritz hatten einen Misstrauensantrag eingebracht. Nach etwas Zaudern auch von der SPÖ unterstützt. Doch die Koalition hielt eisern zu Tilg. Und tut es noch heute. Weder Platter noch Grünen-LHStv. Ingrid Felipe sahen in den Folgemonaten Anlass, Tilgs Kopf rollen zu lassen, wie beide unabhängig voneinander in TT-Interviews betonten.

Gesundheits-Landesrat Bernhard Tilg (ÖVP).
© Thomas Boehm / TT

Der Transit ist es, der Tourismus seit Langem. Mit Corona und „Ischgl-Gate“ stieg aber auch der Gesundheitsbereich zu Platters „Chefsache“ auf. Tilg wird vom Land seit Monaten quasi unter Verschluss gehalten. Öffentliche Medienauftritte gibt es keine. Schon gar nicht gemeinsam mit Platter. Platters Agieren – auch durch die ihm durch die mittelbare Bundesverwaltung im Gesundheitsbericht übertragenen Aufgaben – stehen deshalb ebenso in der Auslage und am Prüfstand. Welchen Anteil hat der Chef an der Chefsache „Ischgl“? Auch das soll der Prüfbericht aufzeigen.

Mit der Präsentation des Untersuchungsberichts rückt Ischgl und damit Tirol wieder in den internationalen Fokus. Und auch Platters (Un-)Wille, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Denn wie das erste geendet hat, weiß inzwischen die ganze Welt.


Bund-Land-Koordination und Abreise-Chaos im Visier

Was ist beim Corona-Krisenmanagement zwischen Anfang und Mitte März in Tirol falsch gelaufen? Nach Anzeigen des Verbraucherschutzvereins ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen des Verdachts der Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Zugleich hat die vom Land Tirol eingesetzte Experten-Kommission die Abläufe zwischen Bund und Land Tirol inklusive der Bezirkshauptmannschaften sowie die Gemeinden ins Visier genommen. Befragungen der Rohrer-Kommission wurden der Justiz übermittelt, die daraus einen konkreten Anfangsverdacht abgeleitet hat und gegen vier Beschuldigte ermittelt – u. a. gegen den Landecker Bezirkshauptmann Markus Maaß und den Ischgler Bürgermeister Werner Kurz. Insbesondere wird die Umsetzung von Verordnungen in Ischgl bzw. die Quarantäne im Paznaun näher geprüft.

Die teils chaotische Abreise nimmt im Ischgl-Bericht der Expertenkommission breiten Raum ein, schließlich geht es dabei um die behördliche Abstimmung. Hier dürfte nicht mit Kritik gespart werden, wurde Tirol doch erst kurz vor der Pressekonferenz am 13. März um 14 Uhr von der Regierung über die Quarantäne im Paznaun informiert. Danach suchten bereits erste Gäste das Weite, erst einige Stunden später erfolgten die Kontrollen. Heimreisende übernachteten in Innsbrucker Hotels, Gäste aus dem Paznaun oder St. Anton nutzten den Samstag zum Skifahren in anderen Skiorten. Die Abläufe waren alles andere als koordiniert.

Das trifft auf die ersten Meldungen über infizierte Urlauber in Ischgl ebenfalls zu. Hier handelt es sich um den Zeitraum zwischen 3. März und 5. März. Laut Gesundheitsministerium gab es am 4. März um 21.35 Uhr die ersten Informationen aus Island. Auf Nachfragen erhielt man am 5. und 6. März nähere Angaben über die infizierten Isländer und ihre seinerzeitigen Urlaubsdomizile in Ischgl.

Darstellungen, dass der Landecker BH Maaß die Situation in Ischgl vertuschen wollte, weist sein Anwalt Hubert Stanglechner zurück. Der Bezirkshauptmann habe die 
E-Mail vom 5. März, in der angemerkt sei, „damit hätten wir Ischgl vorerst aus dem Schussfeld“, bereits um 15.51 Uhr verschickt, nachdem er kurz vorher zwei voneinander unabhängige E-Mails isländischer Gäste erhalten habe, in denen diese selbst berichteten, dass die Infektion vermutlich von einer infizierten Person im Flugzeug ausgegangen sei. Die E-Mail von 16.13 Uhr, dass die Passagiere mit zwei Maschinen abgereist seien, habe der Bezirkshauptmann hingegen erst später erhalten.


📅 Chronologie zu Ischgl

📌 5. März 2020. Die Tiroler Behörden erfahren, dass 15 isländische Gäste in ihrer Heimat nach einem Ischgl-Aufenthalt positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Die Behörden nehmen an, dass die Ansteckung im Flugzeug und nicht in Tirol passiert war. Island erklärt Ischgl zum Risikogebiet und stellt alle Reisenden, die seit 29. Februar heimgekommen waren, unter Quarantäne.

📌 6. März. Personen, die Après-Ski-Lokale besucht hatten, werden getestet. Darunter ist auch der 36-jährige Barkeeper der Après-Ski-Bar „Kitzloch“. Laut Land gibt es zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Verdachtsfall in oder aus Ischgl.

📌 7. März. Das Testergebnis des Barkeepers ist positiv. Die Mitarbeiter des „Kitzloch“ werden isoliert und das Lokal vorübergehend gesperrt.

📌 9./10. März. Das Lokal „Kitzloch“ wird behördlich gesperrt, alle Après-Ski-Lokale in Ischgl werden geschlossen.

📌 11./12. März. Am 11. März wird verkündet, dass das Skigebiet Ischgl für zwei Wochen gesperrt wird, am 12. März heißt es, dass Ischgl seinen Betrieb für die Saison komplett einstellt. Am Abend sagt Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), dass mit Ablauf 15. März die gesamte Skisaison in Tirol beendet wird.

📌 13. März. Die Orte im Paznaun Galtür, Ischgl, Kappl und See sowie St. Anton am Arlberg werden um 14.00 Uhr unter Quarantäne gestellt.

📌 14. März. Es wird bekannt, dass allein 459 Norweger nach einem Urlaub in Österreich, vornehmlich in Tirol, infiziert wurden. Auch rund 100 deutsche Gäste sind betroffen, mehr als 260 Dänen und rund 140 aus Schweden.

📌 15. März. Alle Skigebiete in Tirol schließen.


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