TV-Debatte der US-Wahl-Vizekandidaten: Coronavirus zentral

Die Corona-Pandemie hat das einzige TV-Duell der Kandidaten für die US-Vizepräsidentschaft bestimmt. Die Demokratin Kamala Harris warf dem republikanischen Amtsinhaber Mike Pence, der die Coronavirus-Taskforce leitet, ein Versagen der Regierung vor. „Das amerikanische Volk hat miterlebt, was der größte Misserfolg einer Regierung in der Geschichte unseres Landes ist“, sagte sie am Mittwochabend (Ortszeit). Pence verteidigte die Bemühungen der Regierung zur Virusbekämpfung.

Wie schon bei dem ersten TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden gab es Beobachtern zufolge keinen klaren Sieger. Die etwa 90-minütige Debatte von Pence und Harris verlief aber im Gegensatz zu dem hitzigen Schlagabtausch zwischen Trump und Biden ruhig und konzentrierter ab.

Üblicherweise sind die TV-Duelle der Vizekandidaten zweitrangig. Pence und Harris kam in diesem Jahr aber besondere Bedeutung zu: Denn der Vizepräsident oder die Vizepräsidentin übernimmt die Amtsgeschäfte, wenn das Staatsoberhaupt ausfällt. Sowohl Trump (74) als auch Biden (77) wären im Falle eines Sieges das älteste Staatsoberhaupt bei Amtsantritt. Bei Trump kommt noch seine Coronavirus-Erkrankung hinzu.

„Das ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen“, sagte Analyst Akira Takei vom Anlageberater Asset Management One. „Pence hat seine Botschaften besser rübergebracht als Trump, aber ich will sehen, wie sich Trump in der nächsten Debatte schlägt.“ Diese ist für den 15. Oktober angesetzt. Biden erwägt jedoch eine Absage, sollte Trump zu diesem Zeitpunkt noch Corona-positiv sein.

Harris warf Trump und Pence vor, die Gefahr von Corona bewusst heruntergespielt und unnötig Leben riskiert zu haben. Beide hätten bereits am 28. Jänner alle nötigen Informationen über das Virus gehabt. Pence machte erneut China für die Pandemie verantwortlich, sie nahm dort im Dezember ihren Ausgang. Trump habe unverzüglich die Forschung zur Suche nach einem Impfstoff vorangetrieben, nur deswegen stehe jetzt bald ein Impfstoff zur Verfügung.

Teilweise wichen Pence und Harris den Fragen der Moderatorin Susan Page, Leiterin des Hauptstadtbüros der Zeitung „USA Today“ in Washington, aus. Bei der Frage, ob und wenn ja welche Absprache es mit den jeweiligen Präsidentschaftsanwärtern für eine Machtübergabe gebe, nutzte Pence seine Redezeit, um über Impfstoffe zu sprechen, während Harris ihren Werdegang als Kind von Einwanderern bis zur Generalstaatsanwältin in Kalifornien schilderte. Ebenso antworteten beide nicht direkt auf die Frage, warum weder Trump noch Biden Informationen zur ihrem Gesundheitszustand gegeben hatten.

Bei den Themen Gesundheitswesen und Steuern ging Harris in die Offensive. Sie kritisierte die Bemühungen der Trump-Regierung, den „Affordable Care Act“ (ACA) für ungültig zu erklären und griff Trump an, weil er in den vergangenen Jahren angeblich nur 750 Dollar (aktuell 637,21 Euro) pro Jahr an Bundeseinkommenssteuern gezahlt habe. Pence widersprach und erklärte, Trump sei ein Geschäftsmann, der Tausende Arbeitsplätze geschaffen habe und Millionen Dollar an Unternehmenssteuern zahle. Er lenkte die Debatte auf die Wirtschafts- und Steuerpolitik. „Am ersten Tag wird Joe Biden Ihre Steuern erhöhen“, richtete er sich direkt an die Fernsehzuschauer. Harris unterbrach: „Lassen Sie uns bei den Fakten bleiben, für die diese Debatte gedacht ist.“ Weitere Themen waren Klimawandel, Polizeigewalt und Rassismus, die Ernennung der neuen Richterin für den Obersten Gerichtshof sowie die Organisation der Wahl.

Biden werde seinen Vorsprung in den Umfragen erst einmal halten können, sagte ein Analyst. Daran ändere die Debatte der beiden Vizekandidaten nichts. Der letzten Erhebung von Reuters/Ipsos zufolge hat Biden einen Vorsprung von zwölf Prozentpunkten vor Trump. Harris kam vor allem bei Frauen an, wie eine erste Umfrage des TV-Senders CNN ergab. Zuschauerinnen machten die 55-jährige Senatorin als Siegerin der Debatte aus.

Harris wäre bei einem Sieg Bidens die erste Frau auf dem Vizeposten, die erste Afroamerikanerin und die erste US-Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln. Der 61-jährige Amtsinhaber Pence führt die Arbeitsgruppe der US-Regierung im Kampf gegen die Corona-Epidemie an. In den USA wurden rund 7,5 Millionen Infektionen gemeldet, mehr als 210.000 Menschen starben an dem Virus - mehr als in jedem anderen Land.


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