Schreckliche Zärtlichkeit des Kleinbürgers

Wiener Akademietheater: Franzobels Bühnenadaption von Ladislav Fuks’ „Der Leichenverbrenner“ in der Regie von Nikolaus Habjan.

Im Krematorium: Sabine Haupt (mit Puppe) und der „Leichenverbrenner“ (Michael Maertens).
© Horn

Von Bernadette Lietzow

Wien – Karel Kopfrkingl ist „das Monster, das wir alle in uns tragen“, sagt der Dichter Franzobel über den von ihm als Bühnenfigur neu erschaffenen Protagonisten des Romans „Der Leichenverbrenner“, erschienen 1967. Der tschechische Autor Ladislav Fuks (1923–1994) stellt da einen akkuraten Angestellten des Prager Krematoriums ins Zentrum seiner psychologisch-symbolistischen Horror-Geschichte, dessen (Unter-)Ordnungssinn und verquere, buddhistisch untermalte Reinheitsphantasien zur Auslöschung seiner Familie führen.

Die deutsche Okkupation der Tschechoslowakei verlangt nach neuen Regeln, im Rahmen derer Kopfrkingls (Michael Maertens) Karrierepläne wie seine pathologischen Züge Beförderung erfahren. Opfer sind seine halbjüdische Frau (Dorothee Hartinger), sein „verweichlichter“ Sohn (Sabine Haupt) und seine regimekritische Tochter (Alexandra Henkel). Und letztendlich auch er, der „Leichenverbrenner“ selbst, der, sich als der neue „Dalai Lama“ phantasierend, dem Wahn verfällt.

Mit Corona-bedingter Verspätung, die Premiere war für März angesetzt, gelangte die grausige Parabel nun zur Akademietheater-Uraufführung. Dem bestechenden Ensemble stellt Regisseur Nikolaus Habjan seine monströsen Puppen zur Seite. Sie verkörpern, geführt und gesprochen von Habjan selbst und den Schauspielerinnen Haupt und Henkel, zusätzliche Rollen und heben durch ihre zwingende Klappmaul-Physis das Stück in die wunderliche Sphäre eines bösen Märchens.

Da gibt es das Paar, dem sowohl Autor Franzobel als auch die Inszenierung wichtigen Raum geben. „SIE hat immer Todesahnungen, sieht Tausende Tote und Horrorvisionen, und ER macht das immer lächerlich. Das ist für mich eine klare Zeichnung unserer jetzigen Zeit“, skizziert Habjan die Figuren. Beängstigend, weil er die psychische Randständigkeit seines ehemaligen Kriegskameraden Kopfrkingl bestens zu bedienen weiß, ist der „Vorzeigenazi“ Reinke (Puppe/Nikolaus Habjan). Franzobel lässt diesen von „Herrenmenschenknödeln“ schwadronieren, mit denen man „Volksfeinde steinigen“ könne.

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Eingepasst ist die bizarre Unheimlichkeit in einen ausklappbaren Guckkasten (Bühne: Jakob Brossmann), der Krematorium, biederes Esszimmer, Bordell oder Zoo vorstellt. Im adretten Anzug von der Stange (Kostüme: Cedric Mpaka) dominiert Michael Maertens’ beunruhigender Leichenverbrenner das Geschehen: Immer freundlich und leise ist dieser bekennende „Familist“, den eine „schreckliche Zärtlichkeit“ für seine Lieben, wohl auch für die Arbeit wie für Tibet antreibt.

Nicht immer bewähren sich Habjans Mensch-Puppe-Konzept und sein weitestgehend „klassisches“ Verständnis von Regie, bei „Der Leichenverbrenner“ macht es jedoch die Fallhöhe zwischen „Gut“ und „Böse“ mit grausigem Witz und sonderbar abstrahierter Gewalt deutlich. Mit einigem Nachhall.


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