Kärnten feiert 100 Jahre Volksabstimmung mit Versöhnung

Im Wappensaal des Kärntner Landhauses hat am Samstagvormittag der Festakt zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung begonnen. Im Beisein von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und dem slowenischen Präsidenten Borut Pahor riefen die ersten Festredner zur Versöhnung auf. Am 10. Oktober 1920 entschied sich das damals überwiegend slowenischsprachige Südkärnten für die Angliederung an Österreich.

„Heute befinden wir uns in einer Situation, in der die großen Konflikte überwunden sind und zunehmend neue Perspektiven eingenommen werden“, sagte Manuel Jug als Vertreter der Kärntner Slowenen. Der Vorsitzende des Zentralverbandes slowenischer Organisationen dankte insbesondere dem Team der aktuellen SPÖ-ÖVP-Landesregierung, „das sich vorbildlich für die Belange der slowenischen Volksgruppe einsetzt und die Zweisprachigkeit, beispielsweise im Rahmen von Carinthija2020, auch vorlebt“. Zugleich positionierte er sich klar gegen revisionistische Tendenzen inbezug auf die Volksabstimmung. „Es war dies ein historischer Akt der Selbstbestimmung, der anerkannt werden muss und nicht in Zweifel gestellt werden darf“, betonte Jug.

Im slowenischen Teil seiner Rede verwies Jug auf die „noch offenen Fragen“ und führte dabei auch den notorischen Artikel 7 des Staatsvertrags auf. „Die Herausforderung, die in der Zukunft alle Kärntnerinnen und Kärntner erwartet ist, dass wir die slowenische Sprache und Kultur erhalten - positiv und optimistisch“, sagte er. Früher „zu sehr von ethnischen Konflikten geteilt“, seien Mehrheitsbevölkerung und Minderheit heute mit gemeinsamen Herausforderungen konfrontiert, verwies er auf die Digitalisierung und Globalisierung.

Anders als in früheren Jahren gab es keine Rede eines Vertreters der Kärntner Heimatverbände. Vielmehr sprachen Landesrat Martin Gruber (ÖVP), Landtagspräsident Reinhart Rohr und die Klagenfurter Bürgermeisterin Marialuise Mathiaschitz (beide SPÖ). Sie alle lobten die Fortschritte beim Zusammenleben der beiden Volksgruppen.

Zuvor war der slowenische Präsident Borut Pahor in Klagenfurt von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) mit militärischen Ehren empfangen worden. Pahor ist der erste Spitzenvertreter Sloweniens, der an den Kärntner Volksabstimmungsfeiern teilnimmt.

Bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 hatte sich damals überwiegend slowenischsprachige Südkärnten mit deutlicher Mehrheit für die Angliederung an Österreich entschieden. Die Abstimmungszone, die bis knapp vor Villach und Klagenfurt reichte und auch die südliche Hälfte des Wörthersees umfasste, war nach dem Ersten Weltkrieg von Truppen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen besetzt worden. Die Kärntner Landesregierung beschloss daraufhin den bewaffneten Widerstand, im sogenannten Kärntner Abwehrkampf starben mehr als 400 Menschen, der Großteil davon auf österreichischer Seite.

Van der Bellen und Pahor wollen mit einer gemeinsamen Feier ein Zeichen der Versöhnung und für grenzüberschreitende Zusammenarbeit setzen. Am Nachmittag wollten die beiden Präsidenten eine zweisprachige Skulptur des Künstlers Thomas Hoke im Amt der Kärntner Landesregierung einweihen sowie einen zweisprachigen Kindergarten in Klagenfurt eröffnen. Zum Abschluss der bilateralen Feier wollten Raab und die slowenische Ministerin für Auslandsslowenen, Helena Jaklitsch, in der zweisprachigen Gemeinde St. Jakob im Rosental/Sentjakob v Rozu an einer lokalen Gedenkfeier teilnehmen. Der Gemeinderat der Marktgemeinde hatte jüngst beschlossen, in allen 22 Orten zweisprachige Ortstafeln aufzustellen.

Zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung äußerte sich indes auch das slowenische Außenministerium. In einer Aussendung würdigte es „das veränderte Klima“ in Kärnten und die vor neun Jahren gefundene Ortstafellösung. „Trotzdem sind einige Verpflichtungen (Österreich gegenüber den Kärntner Slowenen, Anm.) weiterhin unerfüllt“, hieß es mit Blick auf Artikel 7 des österreichischen Staatsvertrags. Slowenien würdige die im Programm der türkis-grünen Bundesregierung festgelegten Ziele und rufe zu einem umfassenden Dialog mit der Volksgruppe und der ehebaldigen „vollen Umsetzung“ auf.

Auch innerhalb der slowenischen Volksgruppe sind die Volksabstimmungsfeiern weiterhin umstritten. Erst vor 25 Jahren hatte erstmals ein Vertreter der Minderheit bei der alljährlichen Festsitzung im Wappensaal das Wort ergreifen dürfen. Für Samstagnachmittag planen Vertreter der Kärntner slowenischen Jugend einen Protest vor dem Klagenfurter Hauptbahnhof, unweit des Slomšek-Hauses, wo Pahor und Van der Bellen gemeinsam einen zweisprachigen Kindergarten eröffnen wollen.

Neben den Staatsspitzen Österreichs und Sloweniens und mehreren Vertretern der türkis-grünen Bundesregierung nahm auch FPÖ-Chef Norbert Hofer am Festakt zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung teil. Der Dritte Nationalratspräsident fand am Samstag gegenüber der APA lobende Worte für die erste gemeinsame österreichisch-slowenische Feier: „Ich finde es sehr, sehr ehrenvoll. Es ist sehr, sehr wichtig, auch eine Geste der Versöhnung.“


Kommentieren


Schlagworte