Demokratie siegt: „Des Kaisers neue Kleider“ in Wien

Der Kaiser trägt kein Kleid zweimal, während das Volk hungert: Mit einer Bühnenfassung von Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ lieferte das Burgtheaterstudio im Kasino am Schwarzenbergplatz am Vorabend der Wien-Wahl ein Kinderstück zum Wert der Demokratie. Eine bunte, queere Modenschau, die zeigt: Manchmal lebt es sich nackt glücklicher.

Regisseur Rüdiger Pape versetzt die 1837 veröffentlichte Geschichte in einen zeitlosen Raum, in dem ein überdrehter Kaiser mit blonder Barock-Perücke und Pfauenaugen-Kleidern dem Konsum frönt. Täglich kommt ein neues Paket an, das die jugendlichen Paketboten Marie und Paul im Schweiße ihres Angesichts vor die Tore des Palasts hieven, den Bühnenbildnerin Flavia Schwedler aus mobilen Teilen einer überdimensionalen Krone gezimmert hat. In Empfang genommen werden die Lieferungen vom androgynen Diener Fritz (herrlich queer: Felix Kammerer), der seine liebe Mühe hat, den modesüchtigen Kaiser (pompös: Arthur Klemt) bei Laune zu halten. Im Zaum gehalten wird der junge Wilde von der Ministerin für Reichtum und Geld (Hanna Binder) und dem Minister für Ordnung und Ruhe (Stefan Wieland). Doch als klar wird, dass die Staatskassen leer sind und im stillen Kämmerlein Falschgeld gedruckt wird, um die teuren Kleider zu bezahlen, ist die Stunde von Paul und Marie gekommen.

Lukas Haas und Annina Hunziker geben die schlauen, aber von Armut gepeinigten Paketboten, die dem Kaiser anbieten, ihm kostenlos neue Kleider zu nähen. Nämlich solche, die nur sehen kann, wer weder dumm noch regierungsunfähig ist. Um ihren Plan durchzuziehen, verbünden sie sich mit dem Diener, der vom Kaiser immer nur „Lakai“ gerufen wird. Während Arthur Klemt als stumpfsinniger, selbstverliebter Kaiser seinen Augen nicht traut, umschmeichelt ihn Felix Kammerer mit Lobeshymnen über den neuen Stoff. Und so müssen sich auch die Minister, die mit ihren überdimensionalen Halskrausen (Kostüme: Thomas Rump) nicht wissen, wie ihnen geschieht, zwecks Joberhalt so tun, als sähen sie den feinen, von den beiden Paketboten gewebten Stoff.

Mit stolz geschwellter Brust tritt der Kaiser schließlich - lediglich bekleidet mit einer Perücke und einem ebenso blonden Schamhaar-Toupet - vor sein Volk. Doch als ein Kind bemerkt, dass der Kaiser keine Kleider trägt, biegt diese Fassung in einen erfrischenden Pfad ein: Der Kaiser merkt, dass er sich nackt eigentlich viel wohler fühlt. Losgelöst vom konsumgetriebenen Ballast tänzelt er barfuß über die Bühne und beschließt, die Macht dem Volk zu übergeben. Das Reich ist befreit.

Und so endet dieser Abend, der von der Lust am Reim und dem Spaß am Pomp getrieben ist, mit einem Plädoyer für die Demokratie. Lang anhaltender Applaus vom jungen Publikum, das hier lernt: Lass dich nicht blenden, sag die Wahrheit, es wird zu deinem Besten sein.


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