Tiroler Fußball-Ikone Kurt Jara: „Teamchef wär’ ich gern geworden“

Kurt Jara feiert morgen seinen 70. Geburtstag und blickt im TT-Gespräch auf die emotionalsten Momente seiner Fußball-Karriere zurück – die Meisterfeiern vor Zigtausenden Fans in der Maria-Theresien-Straße.

Beim Geburtstagsinterview blätterte Kurt Jara interessiert im Sportband der Tiroler Tageszeitung.
© Thomas Boehm / TT

Von Wolfgang Müller

Innsbruck – „Leben“, antwortet Kurt Jara spontan und treffend auf die Frage, was er so in seiner Fußballpension macht. Dabei meint er „gut leben“, setzt sein schelmisches Schmunzeln auf und man weiß sofort, dass das ernst gemeint ist. Schließlich wurden ihm vor vier Wochen sechs Stents eingesetzt. „Es geht mir jetzt besser als vorher“, hakt er dieses Thema schnell ab und verweist darauf, dass er schon wieder problemlos seine Golfrunden drehen kann. Kleine Partys mit dem engsten Freundes- und Familienkreis hat er schon hinter sich. Morgen feiert Jara seinen 70er bei Sohn Martin und den beiden Enkeltöchtern in der Schweiz, dann verabschiedet er sich mit Gattin Jolanda wieder für längere Zeit in sein Haus im Oliva-Nova-Resort rund 80 Kilometer von Valencia entfernt: „Skifahren hab’ ich aufgehört. Im Alter mag ich es halt lieber wärmer.“

Symptomatisch, dass das Geburtstagsinterview im Café Design stattfindet. Nicht weit entfernt war das alte Tivoli und in Sichtweite ist das neue Stadion. Damit ist der Jubilar auch schon bei den emotionalsten Stationen seiner Karriere. „Ich habe als Spieler und Trainer Meistertitel in meiner Heimatstadt gefeiert. Da waren Zigtausende begeisterte Fans in der Maria-Theresien-Straße. Wenn ich daran zurückdenke, zieht es mir heute noch eine Ganslhaut auf.“ 1971 feierte der damals 20-Jährige aus Pradl mit dem FC Wacker den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte, im Jahr 2000 fixierte der FC Tirol mit Chefcoach Jara sein Meisterstück.

Steckbrief Kurt Jara

Geboren: 14. Oktober 1950 in Innsbruck.

Stationen als Spieler: FC Wacker (1968 bis 1973; 114 Spiele/40 Tore); FC Valencia (1973 bis 1975; 57 Spiele/11 Tore); MSV Duisburg (1975 bis 1980; 160 Spiele/23 Tore); Schalke 04 (1980 bis 1981; 31 Spiele/2 Tore); Grasshoppers Zürich (1981 bis 1985; 111 Spiele/24 Tore).

ÖFB-Nationalteam: 59 Länderspiele/14 Tore von 1971 bis 1985).

Stationen als Trainer: Grasshoppers Zürich (1986 bis 1988); FC St. Gallen (1988 bis 1991); FC Zürich (1991 bis 1994); Admira (1994); Skoda Xanthi (1996 bis 1997); Apoel Nikosia (1997 bis 1998); FC Tirol (1999 bis 2001); Hamburger SV (2001 bis 2003); FC Kaiserslautern (2004 bis 2005); Red Bull Salzburg (2005 bis 2006).

Höchst emotional verlief auch der Start seiner Karriere im Nationalteam. Denn sein Debüt feierte der damals erst 20-jährige Flügelflitzer aus Tirol am 11. Juli 1971 vor 100.000 Zuschauern in Sao Paulo. Beim Abschiedsspiel des großen Pele, der die Brasilianer auch standesgemäß in Führung schoss, gelang Jara mit einem sehenswerten Tor der 1:1-Ausgleich. Das war der Startschuss für 58 weitere Einsätze und zwei WM-Teilnahmen (1978 und 1982) mit dem Adler auf der Brust.

Jubilar Kurt Jara (l.) mit TT-Redakteur Wolfgang Müller.
© Thomas Boehm / TT

Wo viel Licht, dort gibt es natürlich auch Schatten. „Offene Rechnungen“ hat er keine mehr zu begleichen, der Jubilar ist mit sich und einigen Enttäuschungen im Reinen. „Was mich zum Abschluss gereizt hätte, hat sich halt nicht ergeben“, gibt er zu, dass er mit einem Posten doch sehr stark spekuliert hatte: „Teamchef wär’ ich schon gern geworden.“ Dass ausgerechnet Marcel Koller, sein langjähriger Zimmerkollege bei den Grasshoppers, den Vorzug erhielt, ist längst verarbeitet. „Das ist Fußball. Wie ich zum HSV kam, war Marcel auch Kandidat in Hamburg.“

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Im Nachhinein ein Fehler? „Ich hätte mit Manni Linzmaier nach dem HSV und Kaiserslautern noch die eine oder andere Station in Deutschland anhängen und nicht so früh nach Österreich zurückkehren sollen.“ Die perfekte Überleitung zur leidigen Geschichte mit Red Bull. Jara war der erste Salzburger Coach beim Einstieg von Didi Mateschitz in den österreichischen Fußball. Das Engagement endete im Mai 2006 nach 38 Spielen. Es folgten jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit dem Getränkekonzern. „Ich war mir keiner Schuld bewusst und wollte mir das nicht gefallen lassen. Diese Zeit hat mich und auch meine Familie viel Kraft gekostet.“

Nach drei Jahren stimmte der Tiroler einem Vergleich zu. „Ich hatte mein Recht, aber meine Trainerkarriere war beendet. Schnee von gestern.“ Was zählt, ist die Gegenwart – und die will der rüstige Jubilar in vollen Zügen genießen. Alles Gute zum Runden und das Wichtigste nicht nur in Zeiten wie diesen: „G’sund bleiben!“


Von Innsbruck via Valencia und Zürich nach Hamburg

Jara begann in Innsbruck seine großartige Karriere.
© tt

Vom 21-jährigen Jungspund, der 1972 als zweimaliger Meister mit dem FC Wacker von Innsbruck zum FC Valencia wechselte, bis hin zum golfbegeisterten Pensionisten, der das Leben voll genießt – Kurt Jara blickt auf eine erfolgreiche Fußball-Karriere mit vielen Wohnorten zurück.

Innsbruck: „Meine Heimatstadt, da hat alles begonnen. Und in Innsbruck schloss sich auch der Kreis mit der Rückkehr als Trainer. Ich wollte immer zurückkommen, weil ich da einfach daheim bin und mich auch richtig wohl fühle. Aber ich brauch’ nach zwei, drei Monaten immer wieder einen Wechsel (Spanien). Das ist wahrscheinlich bedingt durch die vielen Stationen meiner Karriere.“

Jara als Meistercoach im Mai 2000.
© gepa

Valencia: „Sensationelle Stadt. Vom Fußball für mich zwei absolute Lehrjahre. Ich kam als verhätscheltes Liebkind aus Tirol und konnte kein Wort Spanisch. Da habe ich schnell gelernt, Profi zu sein.“

Duisburg: „Mitten im Ruhrpott, aber viel schöner, als die meisten glauben. Das waren Superjahre für uns. Sowohl privat als auch sportlich mit der Qualifikation für das UEFA-Cup-Halbfinale.“

Jara in Duisburg.
© imago sportfotodienst

Gelsenkirchen: „Schalke war ein Schritt zu einem absoluten Traditionsverein. Ein schönes Erlebnis, aber zum falschen Zeitpunkt. Als ich gekommen bin, wurde die halbe Mannschaft verkauft. Das war der einzige Abstieg meiner Karriere.“

Zürich: „Zum Leben absolut super, war auch der richtige Zeitpunkt für die weitere Karriere. Mit den Grasshoppers haben wir Meistertitel und Cupsiege gefeiert. Ich wurde auch zum Spieler des Jahres in der Schweiz gewählt. Da habe ich erfahren, was Handschlagqualität bedeutet. Ich war als Spieler insgesamt fünf Jahre dort, habe aber nie einen Vertrag unterschrieben.“

St. Gallen: „Eine gute Mannschaft mit den Südamerikanern Rubio und Zamorano, der dann bei Real zum Weltstar wurde. Wir spielten sogar um den Titel, das kleine Stadion war fast immer voll.“

Wien: „Die Admira war ein Zwischenspiel, weil ich gerade nichts hatte. War schnell von meiner Seite beendet, weil ich andere Voraussetzungen gewohnt war.“

Xanthi: „War schon was Außergewöhnliches. Ich besprach das Angebot mit meiner Frau und dann entschieden wir uns, nach Griechenland zu übersiedeln. Wir wurden herzlich aufgenommen, der Klubbesitzer studierte in der Schweiz, daher lief alles geordnet.“

Nikosia: „Auch ein Riesenerlebnis, weil es der komplette Gegensatz zu Xanthi war. Sie wollten einen deutschsprachigen Trainer wegen der fehlenden Disziplin. War komplett für die Wäsch’, weil jedes Vorstandsmitglied sein eigenes Süppchen kochte. Fazit – wir haben halt ein Dreivierteljahr in Zypern Urlaub gemacht.“

Hamburg: „So wie es mit dem FC Tirol gelaufen ist, wäre ich nie weggegangen. Aber dann kam das Interesse des HSV. Mir war klar: So ein Angebot kommt nie mehr. Wenn ich damals nicht gegangen wäre, hätte ich meine Chance verpasst. Ich tauchte in eine andere Fußballwelt ein. Sowohl medial als auch sportlich.“

2003 holte der HSV mit dem Ligapokal den letzten Titel - mit Coach Jara.
© gepa

Kaiserslautern: „Eine Nummer kleiner wie Hamburg, aber sehr viel Tradition rund um den Betzenberg. Wir schafften problemlos den Klassenerhalt, obwohl mich die Journalisten bei der Präsentation gefragt haben, warum ich mir das antue, weil die Roten Teufel ja Fixabsteiger wären.“

Salzburg: „Geld war da, aber sonst nichts. Dafür wurde alles umgesetzt, was wir wollten. Man sieht ja mittlerweile, wie weit das Red-Bull-Fußballprojekt jetzt ist. Alles läuft hochprofessionell und absolut perfekt ab. Zumindest einen kleinen Grundstein haben wir dazu auch gelegt.“ (w.m.)

Trainer Kurt Jara und Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz.
© gepa

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