Die nahe Zukunft liegt in der Fernmedizin: Tirol ist Vorreiter

Krankheiten rechtzeitig erkennen, Gesundheitskosten und Wege sparen, Ambulanzen entlasten. In der Telemedizin liegt Zukunftspotenzial, das hat sich auch in der Krise gezeigt. Tirol nimmt hier einer Vorreiterrolle ein.

Symbolbild.
© iStockphoto

Von Nicole Strozzi

Ein Skype-Gespräch mit dem Arzt, ein schnelles WhatsApp, um seine Beschwerden abzuklären, oder ein Rezept via E-Mail – alles, was vor einem halben Jahr unvorstellbar war, hat Corona möglich gemacht. Bedenken bezüglich Datensicherheit wurden ausgehebelt. Viel wichtiger erschien die Tatsache, Arztbesuche und Kontakte zu beschränken.

Digitale Gesundheitskontrolle

Potenzial in der Telemedizin, also der Medizin aus der Ferne, sieht die Telegesundheitskommission des Gesundheitsministeriums jetzt schon bei chronischen Krankheiten, vor allem im Kardio-Bereich, bei Diabetes und der Lungenkrankheit COPD. In Tirol ist man diesbezüglich Vorreiter.

2012, als das Wort Telemedizin noch eher eine „Tele-Vision“ war, startete in Tirol das Pilotprojekt HerzMobil. Die Idee dahinter: Menschen, die mit schwerer Herzschwäche im Krankenhaus behandelt werden, mit einem Leih-Koffer bestehend aus Blutdruck- und Pulsmessgerät, Waage und einem eigens programmierten Mobiltelefon mit spezieller Handy-App nach Hause zu entlassen. Puls, Blutdruck, Gewicht werden daheim selbst gemessen und die Daten an eigens ausgebildete Pfleger und den niedergelassenen Arzt weitergeleitet. Die Werte werden täglich kontrolliert. Bei einer Auffälligkeit reagiert. Die Therapie kann so zeitnahe angepasst werden, bevor eine mögliche Verschlechterung zu einer Krankenhauseinweisung führt. Der Patient spart sich Wege, das Krankenhaus spart Betten, der Staat Kosten.

Einsatz von Telemedizin in Tirol

▶️ Seit 2012 wurden 452 Patienten in Tirol über die Handy-App des HerzMobil-Programms versorgt.

▶️ 30 Personen nehmen bereits an einem telemedizinischen Präventionsprojekt für Bluthochdruck teil.

▶️ Weitere 30 werden virtuell von einem Therapeuten bei einem Pilotprojekt für Telerehabilitation betreut.

▶️ In Zukunft will man auch Menschen mit Diabetes technisch unterstützen. In der Krise hat sich die Telemedizin vor allem bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes bewährt.

„2012 hat man noch geschmunzelt über die App. Heute will sie jeder haben“, sagt Clemens Rissbacher, damals Vorstand des Landesinstituts für Integrierte Versorgung Tirol, wo das Projekt realisiert wurde. „HerzMobil hat sich bewährt“, so Rissbacher, heute kaufmännischer Direktor an der Uniklinik Innsbruck. „Wir haben Daten von 2016 bis 2019 von 251 Patienten mit einer Kontrollgruppe verglichen. In der Kontrollgruppe lag die Mortalität innerhalb eines Jahres bei 25 Prozent, im HerzMobil-Programm bei der Hälfte.“

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Außerdem war ein deutlicher Rückgang der Krankenhauswiederaufnahmen zu sehen. 200 Patienten wurden 2020 durch HerzMobil betreut, in Zukunft sollen es tirolweit jährlich 800 werden.

In der Telemedizin liegt noch viel Potenzial. Derzeit nehmen in Tirol 30 Patienten an einem Bluthochdruck-Programm in Zusammenarbeit mit der BVAEB teil. Herzinfarkte und Herzinsuffizienz sollen dadurch frühzeitig verhindert werden. Ein weiteres Pilotprojekt in Kooperation mit der Reha Großgmain zielt auf das Thema Telerehabilitation von Herzpatienten ab. Patienten bekommen nach der dreiwöchigen Reha ein Leih-Ergometer für den Heimgebrauch. Der Therapeut betreut sie virtuell, gibt die Anweisungen via Handy und adaptiert den Trainingsplan. Die Daten werden nach dem Training zurückgeschickt und ausgewertet. „Die Reha ist wohnortnah, Patienten, die erwerbstätig sind oder Kinder haben, können bequem daheim trainieren“, sagt Rissbacher.

Umgang mit sensiblen Daten

In Krisenzeiten hat Telemedizin zudem sehr gut bei Diabetes, insbesondere bei Schwangerschaftsdiabetes funktioniert. „Nehmen wir an, eine Frau ist schwanger, wohnt in Sölden, hat bereits ein Kind, muss alle zwei Wochen 1,5 Stunden Fahrzeit ins Krankenhaus in Kauf nehmen“, sagt Rissbacher. Der Zeitaufwand ist enorm. Genau hier würde Telemedizin ansetzen. Menschen in den entlegenen Tiroler Regionen sollen denselben Zugang zu medizinischer Betreuung bekommen wie Menschen im Tiroler Zentralraum.

Ob digitale Arzt-Patienten-Gespräche wie Video-Chats Zukunft haben, wird sich zeigen. „Es kann im Einzelfall hilfreich sein, um direkten Kontakt zu vermeiden. Wichtig ist, dass diese Termine auch mit geplant werden, da hierfür Personal verfügbar sein muss“, betont der Klinikdirektor. „Bei der Verwendung von Messenger-Diensten ist beim Umgang mit sensiblen Daten Vorsicht geboten. HerzMobil setzt hier ausschließlich auf integrierte, verschlüsselte Kommunikationswege.“


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