„Freier Weidegang mit Wolf passé“: Fließer Bauern starteten Weideschutzprojekt

Nach mehreren Wolfsrissen starteten die Fließer Bauern auf der Alpe Zanders ein Weideschutzprojekt. Es war ein Versuch, wie die Verantwortlichen schon damals betonten – aber ist er geglückt?

Bauern beim Aufbau des Weidezauns. Auf der Alpe Zanders wurde ein Gebiet von 60 Hektar für 270 Schafe abgesichert.
© Neururer

Von Matthias Reichle

Fließ, Pfunds, Spiss – Vier Kilometer Länge, 2500 Pfosten, 20 Kilometer Draht – das sind die Eckdaten eines der größten Weideschutzprojekte Tirols auf der Alpe Zanders. Nachdem Anfang August ein Wolf mehrere Schafe gerissen hatte, statteten die Bauern ein 60 Hektar großes Gebiet mit einem vier Kilometer langen Elektrozaun aus. Es war ein Versuch, wie die Verantwortlichen schon damals unterstrichen. Vom Erfolg war man nicht unbedingt überzeugt.

Inzwischen ist die Almsaison vorbei, weitere Risse gab es mit dem Zaun nicht und Fließ konnte als eine von wenigen Almen die rund 270 Tiere bis zum Ende am Berg behalten. „Freier Weidegang ist passé, das wird es nie mehr geben“, so lautet trotzdem die Bilanz des Fließer Almmeisters Reinhold Jäger. „Dass wir die Schafe einfach so auftreiben, ist vorbei.“ Nun stellt sich die Frage, wie es in der kommenden Sommersaison weitergehen soll.

Die Entscheidung muss noch heuer fallen, sagt auch der Fließer Bürgermeister und Agrarobmann Hans-Peter Bock. Laut ihm hat es rund 20.000 Euro gekostet, die Almfläche abzusichern: rund 12.000 Euro das Material, 8000 Euro der Auf- und Abbau – und das für wenige Wochen, wie Bock anmerkt.

Es sei eine Geldfrage: „Wenn man den Zaun dreimal im Jahr auf- und abbaut, geht sich das finanziell nicht aus“, trotz Förderungen des Landes. Man werde sich mit den Bauern zusammensetzen. Der ein oder andere habe bereits angekündigt, dass er seine Tiere unter diesen Bedingungen nicht mehr auftreiben werde, so der Dorfchef.

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Risse habe es allerdings innerhalb des Zauns tatsächlich keine mehr gegeben, wobei Bock trotzdem skeptisch bleibt. Er glaubt nämlich, dass der Wolf ganz generell verschwunden ist – ob gewildert, überfahren oder von selbst abgezogen, wisse man freilich nicht.

Jäger ist da anderer Meinung. „Der Zaun hat seinen Zweck erfüllt“, findet er. Der Wolf sei im Lande. Der Almmeister sieht derzeit drei Möglichkeiten. „Entweder aufhören, einzäunen oder einen Hirten anstellen.“

Und auch das ist derzeit Thema. Im Gebiet weiden nämlich auch die Tiere aus den Gemeinden Pfunds und Spiss – insgesamt rund 800 Stück. Aktuell gibt es dazu Verhandlungen zu einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Land. Dabei sollen Hirten angestellt werden, die die Tiere laufend betreuen. Jäger spricht dabei von Kosten über 100.000 Euro – auch da braucht man Hilfe.

Die beiden Fließer Alm-Verantwortlichen sehen nämlich auch die Nachteile eines Weidezauns in dieser Form. Das sei nicht nur ein Problem für die Wildtiere – Murmeltiere würden durch den Elektrozaun „traumatisiert“, so Jäger. Auch eine vollständige Beweidung bis in die steilsten Hänge werde nicht mehr gewährleistet, so Bürgermeister Bock. Und das wäre wichtig für den Lawinen- und Murenschutz.

An eine rasche Genehmigung von Wolfsabschüssen glaubt Jäger hingegen nicht. „Das ist aussichtslos“, ist er überzeugt. Der Wolf genieße Schutz und daran werde sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern.

„Nur wenn man Problemwölfe unbürokratisch entnehmen kann, ist eine Akzeptanz in der Bevölkerung herzustellen“, erklärt hingegen Bock. „Wenn ich dafür drei Juristen brauche, funktioniert das allerdings nicht.“


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