Joe Biden, der unterschätzte Kandidat der Demokraten

Der politische Veteran ist zum Hoffnungsträger all jener geworden, die sich nach einer anderen Führung für das Land sehnen. Er punktet mit Kompetenz, Einfühlungsvermögen und populären Anliegen.

Joe Biden: politische Erfahrung für ein gespaltenes und krisengebeuteltes Land.
© AFP

Von Floo Weißmann

Washington – Mit 77 Jahren ist Joseph Robinette Biden endlich fast dort angelangt, wo er seit Jahrzehnten hinwollte. Schon 1987 nahm er erstmals Anlauf auf das Weiße Haus in Washington, ging aber wie ein weiteres Mal 2008 schon im Vorwahlkampf glanzlos unter. Doch heuer, im dritten Anlauf und mitten in einer Pandemie, sicherte er sich souverän die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten und liegt wenige Tage vor dem Wahltag in Umfragen deutlich in Führung.

Politische Gegner und kritische Parteigänger merken an, dass Biden kaum Enthusiasmus verbreite. Dass er mental nicht mehr ganz fit sei. Dass er nur durch eine Laune der Geschichte zum kleinsten gemeinsamen Nenner all jener wurde, die den umstrittenen Amtsinhaber Donald Trump unbedingt loswerden wollen.

Doch das wird Joe Biden und seiner Kandidatur nicht gerecht, meint der US-Politologe David Rowe. Er sieht gute Gründe dafür, warum ausgerechnet der politische Dinosaurier nun als Hoffnungsträger dasteht.

Erstens habe Biden eine taktisch und strategisch perfekte Kampagne gefahren, ohne grobe Schnitzer. „Das kann nicht einfach dem gemeinsamen Bedürfnis der Partei zugeschrieben werden, Trump abzuwählen, sondern es liegt an den Leuten, die er versammelt hat, und daran, wie sie seine Kampagne managen.“ Darin zeigt sich für Rowe die politische Erfahrung von Biden nach 35 Jahren im Senat und acht Jahren als Vizepräsident. „Das verheißt Gutes für eine kompetente Regierung“, was Biden auch für frustrierte Konservative attraktiv mache.

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Joe Biden und die Demokraten versprechen in vielerlei Hinsicht eine Rückkehr zu den Obama-Jahren. Zu den Anliegen gehören eine leistbare Krankenversicherung für alle, Klimaschutz und eine stärkere Besteuerung von Wohlhabenden und Profiten. Außenpolitisch will Biden Amerikas Allianzen wiederbeleben und ist auch offen für die Neuauflage des Atomabkommens mit dem Iran.

Pandemie: Biden fordert eine landesweite Maskenpflicht, mehr Tests und Contact Tracing sowie die Rückkehr der USA in die Weltgesundheitsorganisation.

Polizei/Justiz: Biden tritt für eine Polizeireform ein, ist aber gegen die Streichung von Mitteln. Er ist auch gegen die Todesstrafe.

Besonderheit: Die Demokraten wollen die Hauptstadt Washington DC als 51. Bundesstaat aufnehmen. Dazu bräuchten sie das Weiße Haus und Mehrheiten in beiden Kongresskammern.

Zweitens wirkt Biden nahbar und aufrichtig im Umgang mit Menschen, was auch den Schicksalsschlägen in seinem Leben zugeschrieben wird. Er verlor seine erste Frau und eine Tochter durch einen Unfall und seinen ältesten Sohn durch eine Krebserkrankung. Rowe: „Biden bietet an, was das Land jetzt braucht – jemanden, der das Einfühlungsvermögen und das Mitgefühl mitbringt, um für alle Amerikaner und ihre Sorgen auf eine Weise zu sprechen, wie es Trump nicht kann.“

Drittens sind Bidens politische Inhalte populär. Sie neigen laut Rowe ein wenig nach links, seien aber flexibel genug, um breite Wählerschichten anzuziehen, und sie seien stärker auf die Zukunft ausgerichtet als jene der Republikaner. „Zudem verfügt Biden über das politische Geschick, seine Inhalte in Gesetze zu gießen.“ Seine Koalition reicht vom linken Flügel der Demokraten bis zu Trumps Gegnern innerhalb des konservativen Lagers.

„Das deutet überraschenderweise darauf hin, dass Biden bei vielen zentralen Herausforderungen für das Land ein transformativer Präsident werden könnte“, meint Rowe. Als Beispiele nennt er Diskriminierung, soziale Ungleichheit und Klimawandel.

Welchen Spielraum Biden tatsächlich hätte, hängt aber vor allem von der Senatswahl ab. Sollten die Republikaner ihre Mehrheit im Senat halten, könnten sie zu jener Blockadepolitik zurückkehren, die Biden schon als Vizepräsident von Barack Obama erlebt hat. Rowe spricht von quertreiberischem Nihilismus. Zudem könnten die unterlegenen Trumpisten sowohl einem Präsidenten Biden das Leben schwermachen, als auch Bemühungen um eine Neuaufstellung der Republikanischen Partei hintertreiben.

Kamala Harris: Signal an das vielfältige Amerika

Frauen und Minderheiten gehören zu den zentralen Wählergruppen der Demokratischen Partei. Mit Senatorin Kamala Harris (56) hat Joe Biden eine Vizekandidatin gewählt, die beide Gruppen repräsentiert. Sie ist die Tochter einer aus Indien stammenden Brustkrebsforscherin, einer Hindu, und eines aus Jamaika stammenden Wirtschaftsprofessors. Nach der frühen Kindheit in Kalifornien besuchte sie die Mittelschule in Montreal (Kanada) und studierte Jus an der historisch schwarzen Howard University in Washington. Harris betont, dass sie in den USA stets als Schwarze betrachtet wurde.

Die Senatorin ist im Vorwahlkampf zunächst selbst angetreten und hat Biden scharf angegriffen. Doch sie konnte nicht zu den Spitzenreitern aufschließen und zog sich noch vor den ersten Abstimmungen zurück. Seitdem wirbt sie engagiert für Biden, der ihr die Attacke offenbar nicht nachträgt.

Als die Proteste gegen Rassismus aufkamen, erwarb sich die Ex-Generalstaatsanwältin von Kalifornien einen Ruf als Kämpferin für eine Polizeireform und konnte dadurch ihr Profil schärfen. Im TV-Duell der Vizes wirkt­e sie gut vorbereitet und effektiv. Sollte Harris Vizepräsidentin werden, wäre sie vermutlich schon in vier Jahren eine aussichtsreiche Kandidatin für die erste Frau an der Spitze der USA.


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