Stefanie Sargnagel in „Dicht“: Arge Geschichten und Gefährten am Abgrund

Stefanie Sargnagel spielt in „Dicht“ mit der Gattung des Bildungsromans – und erinnert dabei an Überlebenskünstler, die verloren gingen.

Stefanie Sargnagel, geboren 1986 in Wien, ist Autorin und Künstlerin. 2016 gewann sie den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs.
© Thomas Boehm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Drei Jahre ist es her, dass Stefanie Sargnagel im großen, sprich dem bundesdeutschen, Literaturbetrieb aufschlug. Im kleinen, bei der honorigen Wiener Redelsteiner Dahimène Edition, reüssierte sie schon, bevor ihre „Statusmeldungen“ (2017) bei einem deutschen Publikumsverlag erschienen. Auch „Binge Living“ (2013) und „Fitness“ (2015), so heißen Sargnagels frühe Buchveröffentlichungen, entwickelten einen Teil ihres Reizes daraus, dass die Texte aus ihrem Kontext gerissen wurden: Sargnagel veröffentlichte sie zunächst, gewissermaßen als Logbuch zugespitzte Alltags- und Gegenwartsverdichtungen, auf sozialen Medien.

Zuletzt hat Stefanie Sargnagel viel fürs Theater gearbeitet: Für eine Inszenierung von Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ schrieb sie Couplets, „Am Wiesnrand“, das Resultat von Sargnagels Feldforschung am Oktoberfest, wurde Anfang des Jahres am Münchner Volkstheater uraufgeführt, „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“ vor wenigen Wochen an der Volksbühne Berlin.

Autobiografisch und autofiktional

Auch für „Dicht“, Sargnagels erste, nun als Buch veröffentlichte lange Prosaarbeit, hat die Autorin und Zeichnerin ein theatererprobtes Vorspiel gewählt. Die einigermaßen erwartbare Frage aber, ob sie eigentlich dafür bereit sei, einen längeren Fließtext zu schreiben, räumt sie in Form eines Dialogs vom Tisch. „Ich habe einen alten Blog voller verrückter Jugendgeschichten“, antwortet sie einer nicht näher umrissenen Fragenstellerin. Den müsse man allerdings noch stark bearbeiten für eine Buchform, sagt sie – und macht sich ans Werk.

„Dicht“ ist also autobiografisch. Oder eben autofiktional. Diesmal öffnet der Untertitel „Aufzeichnungen einer Tagediebin“ noch einen, literaturgeschichtlich ungleich weiteren Referenzrahmen: „Dicht“ ist ein Spiel mit den Konventionen der honorigen Gattung des Bildungsromans, schließlich wird hier vom Werden einer Künstlerin erzählt. Am Ende des Textes reicht Sargnagel, die damals noch gutbürgerlich Stefanie Sprengnagel hieß, eine Handvoll Zeichnungen an der Wiener Bildenden ein – und wird angenommen.

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Allerdings: Dass die Geschichte – wenigstens für deren zentrale Protagonistin – gut ausgehen wird, darf schon am Beginn als bekannt vorausgesetzt werden. Was rein dramaturgisch nicht unbedingt spannungsfördernd ist. Und Sargnagels durchaus drastische Schilderungen der „argen Sachen“, die sie im Alter von 15 bis 20 Jahren erlebt hat, bisweilen belangloser scheinen lässt, als sie sind. Denn in den grindigen Beisln und Suchtler-Stuben, in denen sich die junge Steffi herumtreibt, kommt es immer wieder zu versuchten Übergriffen. Vom verbalen Sexismus tagesversoffener Zeitgenossen ganz zu schweigen. Auch davon erzählt Stefanie Sargnagel in einem zwar wenig zimperlichen, aber alles in allem recht heiteren Parlando. Dieser Ton macht „Dicht“ zu einem sehr lustigen Text. Er lockt allerdings auch auf die falsche Fährte. Ja, jugendliches Pathos, Weltekel und der Wille zur Weltverbesserung werden schön ausgestellt. Ja, es wird ordentlich gekifft, viel getrunken – und derb dahergeredet.

Aber in „Dicht“ wird nichts verklärt – der titelgebende Zustand am allerwenigsten. In seinen besten Passagen ist der Text trotz seiner unverzagten und schlichten Sprache eine bestechend-präzise Milieustudie – und als solche im Kern tieftraurig. Denn Sargnagel zeichnet nicht nur ihre letztlich geglückte Selbst(er-)findung – von der Musterschülerin zum Votivpark-Hippie, vom Votivpark-Hippie zur angehenden Künstlerin – nach, sondern erzählt auch von Menschen, die sich mit ihr auf den Weg machten und verloren gingen. Einem von ihnen, im Buch wird er „Aids-Michl“ oder schlicht Michi genannt, ist „Dicht“ denn auch gewidmet.

Michi ist schon königlich kaputt, als er in Sargnagels Leben tritt – und wird für sie und andere doch zu einer Art Mentor. Das Leben hat Michi übel mitgespielt. Und Michi, der Überlebenskünstler, spielte eine Zeit lang mit. Retten konnte er sich nicht. Retten lassen auch nicht. Aber anderen, so scheint es, hat er in die richtige Spur geholfen. Oder wenigstens deren Leben etwas erträglicher gemacht.


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