Fernkälte in Hall: Wenn das Trinkwassernetz zum Kältespender wird

Die Hall AG setzt angesichts des Klimawandels auf Fernkälte als neues Geschäftsfeld. Die Besonderheit: Bestehende Infrastruktur wird genützt.

Das Quellwasser aus dem Halltal – hier ein Blick in den Hochbehälter an der Walderstraße in Absam – steht ab sofort auch für Fernkälte bereit. Zur Verteilung wird das bestehende Wasserleitungsnetz genützt.
© Domanig

Von Michael Domanig

Hall, Absam – Auch wenn man derzeit angesichts der Temperaturen eher ans Heizen als ans Kühlen der Wohnung denken mag: Durch den Klimawandel und immer heißere Sommer steigt auch hierzulande der Kühlbedarf stetig. Genau hier setzt die Hall AG, 100-Prozent-Tochter der Stadt Hall, mit ihrem neuesten Standbein an: Fernkälte.

Im Halltal betreibe man einen Trinkwasserstollen mit hoher Schüttung – und somit „großem Potenzial, das Wasser zusätzlich produktiv zu nutzen“, sagt Artur Egger, technischer Vorstand der Hall AG. Der Einsatz von Trinkwasser (in diesem Fall Bergwasser, eine Form von Grundwasser) für Fernkälte sei nicht neu – sehr wohl aber die Nutzung vorhandener Infrastruktur für diesen Zweck: Die Trinkwasser-Hochbehälter fungieren als Kältespeicher, „das gesamte bestehende Wasserleitungsnetz wird als Kälte-Verteilnetz verwendet“.

Wie das Ganze konkret funktioniert? Von den Hochbehältern Walderstraße und Halltalerhof in Absam, wo das Wasser eine Temperatur von ca. 6 Grad aufweist, wird es geregelt (mittels „smarter“ Sensorik) im Trinkwassernetz verteilt. Beim Kunden fließt ein Teil des Trinkwassers schließlich über einen – zu installierenden – Kältetauscher (Übergabestation) und liefert so emissionsfrei Kühlung ins Haus. Das hierfür genutzte Wasser rinnt nicht mehr zurück ins Trinkwassernetz, sondern wird über Regenwasserkanäle oder Fließgewässer abgeleitet. Auch für diese Entsorgung ist die Hall AG zuständig.

Man habe die Möglichkeit, pro Tag bis zu 5000 Kubikmeter an Fernkälte per Quellwasser zu verteilen, erklärt Egger, „das entspricht etwa dem Wasserbedarf der Stadt Hall an einem Tag“. Als Zeitraum zur Nutzung des Trinkwassers für Kühlzwecke wurden die Monate von 1. Mai bis 31. Oktober jedes Jahres festgelegt.

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Das 2019 durchgeführte wasserrechtliche Verfahren war auch für die Behörden Neuland. Denn die Bereitstellung von Kälte über ein bestehendes Trinkwassernetz gebe es in dieser Dimension bis dato in ganz Österreich nicht, so BM Eva Posch, die sich bei der gestrigen Präsentation „mächtig beeindruckt“ zeigte. Der Ruf nach Kühlung in Büro-, Verwaltungs- und Privatgebäuden werde lauter, gerade im dicht besiedelten Raum Hall. „Die Hall AG reagiert auf diesen Ruf.“

Durch die zusätzliche Nutzung des Wassers werde es möglich, weitere Einnahmen zu lukrieren, ergänzt Christian Holzknecht, Vorstandsvorsitzender der Hall AG – um so auch den Trinkwassertarif stabil halten zu können. Damit würden auch jene Bürger profitieren, die das Fernkälte-Angebot selbst nicht nutzen wollen.

Dieses ist laut Hall AG besonders für Neubauten gedacht, wo neben der Heizung auch gleich Kühlanlagen, etwa in Form von Kühldecken oder Betonkernkühlung, in­stalliert werden könnten. Die Hall AG mache diese Arbeiten nicht selbst, schaffe damit aber Potenzial für die heimische Wirtschaft.

Im September-Gemeinderat hatte die Hall-AG-Führung erklärt, sich vom neuen Geschäftsfeld Umsatzsteigerungen von 0,9 bis 1 Mio. Euro zu erhoffen. Anfragen gebe es bereits, etwa von Industriebetrieben, die dringend Kühlung benötigen.

Von den Behörden sei natürlich auch klargestellt worden, dass „primär die Trinkwasserversorgung abgedeckt sein muss“, betont Egger. Dass das Trinkwasser im Halltal versiegen könnte, sei aber nicht zu erwarten.


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