Andreas Vitasek ist „Der Herr Karl“

Der Herr Andi hat seine Stimme tiefer gelegt und sich ein wenig schwerer gemacht. Aber verstellen braucht er sich nicht sehr, um als Herr Karl durchzugehen. Dass Andreas Vitasek Helmut Qualtinger nicht nachmachen wird, wenn er den von Qualtinger und Carl Merz gemeinsam verfassten legendären Mitläufer-Monolog „Der Herr Karl“ auf die Bühne bringt, war klar. Aber dass ihm die Rolle so perfekt passen wird, hat am Dienstag im Rabenhof doch überrascht.

Vitasek hat - zum Glück - kein großartiges Konzept für seine Neuinterpretation. Es gibt keine aufdringlichen Aktualisierungsversuche, nur zwei, drei Insider-Anspielungen (auf den Herrn Direktor und den neuen Rabenhof-Punschstand vor dem Theater, sowie ein Zappzarapp-Eigenzitat), dafür eine Tapetenwand, auf die gelegentlich alte Fotos projiziert werden. Der Rabenhof von einst (als seine Wohnadresse gibt dieser Herr Karl nicht „Grösslgasse 15“ sondern „Rabengasse 3“ an), ein Arbeitssuchender aus den 30er-Jahren, Adolf Hitler und die berühmte Staatsvertrags-Balkonszene werden gezeigt, später ein paar idyllische Postkarten vom Großglockner, dem Semmering, der Wachau und von Mariazell. Das hätte man sich schenken können. Der Geschichtsunterricht im Frontalvortrag wird mit multimedialer Unterstützung bloß gestört. Und das Motto lautet sowieso: „Sie san‘ ja zu jung!“

Andreas Vitasek ist 64, den Herrn Karl hat er im Text 60 gelassen („Schaun S‘mi an! Sechzig Jahr! Und nie krank g‘wesen.“), Qualtinger selbst war bei der Uraufführung unglaubliche 33 Jahre jung. So jung ist vielleicht gerade der unsichtbar in den Kulissen sitzende „Auszubildende“, den Vitasek ein paar Mal als Souffleur benötigt. Der Lehrling der Delikatessenhandlung, in deren Keller man sich eigentlich befindet, und damit der Ansprechpartner des Monologisierenden ist dagegen natürlich das Publikum. Alles Atmosphärische ist in Text und Ausstattung jedoch gestrichen. Es gibt keine Chefin, gegen die der Herr Karl gleichzeitig buckelt und aufmuckt, und es gibt keine Regale, Fässer, Kisten und Konserven. Es gibt nur die Bühnensituation. Und den genialen Text, der heute wie damals seine Wirkung entfaltet.

Völlig zurecht arbeitet Vitasek weniger den politischen Wendehals als die Tragödie des alten, weißen Mannes heraus. Für die „Madln“ hat er immer was übrig gehabt, auch für die weibliche Kundschaft bei der Hauszustellung, doch seine Gattinnen haben ihn immer furchtbar enttäuscht, jammert er. Nein, dieser Typ Mann ist noch nicht ausgestorben, bloß äußert er sich heute vielleicht anders.

TT-ePaper testen und eine von drei Gasser Tourenrodeln gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die TT verlost drei Gasser Tourenrodeln und 50 Thermosflaschen

Nachdem Hermann Leopoldi „Erst kommt Österreich, dann kommt lang nix“ gesungen hat, unternimmt Herr Karl mit einem Freund eine kleine Österreich-Rundfahrt. Und plötzlich kommt uns diese Art von Patriotismus wieder unheimlich aktuell vor, sie springt uns in den Heimatliedern eines Andreas Gabalier ebenso an wie in der Tourismus-Werbung angesichts der Corona-Pandemie. Am Ende klingt Marlene Dietrich aus den Lautsprechern: „Wenn ich mir was wünschen dürfte / Käm ich in Verlegenheit / Was ich mir denn wünschen sollte / Eine schlimme oder gute Zeit.“ Der Herr Karl weiß jedenfalls: „Man hat sein Leben nicht umsonst gelebt. Und das ist vielleicht das, worauf‘s ankommt...“

Langer Applaus nach etwas über einer Stunde Spielzeit. Bravorufe unterblieben wohl nur dank der vom Publikum diszipliniert getragenen Masken.

)


Kommentieren


Schlagworte