HBO-Serie „I may destroy you“: Chronik einer zerstörten Seele

Tabus werden nicht akzeptiert: „I may destroy you“ erzählt davon, wie Arabella das traumatische Erlebnis einer Vergewaltigung verarbeitet.

Michaela Coel erzählt als Arabella in „I may destroy you“ auch ihre eigene Geschichte.
© HBO

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es ist kein Traum, auch wenn es sich anfangs noch so anfühlt. Arabella ist Autorin, nach ihrem Überraschungshit „Chroniken eines deprimierten Millennials“ soll jetzt ihr zweites Buch erscheinen. Das Schreiben aber läuft nur schleppend, kurz vor einem wichtigen Meeting zieht die 33-Jährige einmal mehr eine ausgelassene Partynacht in ihrer Heimatstadt London ihrer Arbeit vor. Nach einem Blackout ist sie erst beim Verleger-Treffen wieder sie selbst – und steht doch neben sich. Was in dieser Nacht geschah, das lässt sich lediglich anhand von Flashbacks erahnen, die durch Arabellas Kopf schießen. Bald wird auch ihr klar, die Autorin wurde betäubt. Und brutal vergewaltigt.

„I may destroy you“ erzählt von einem Alptraum, der zur Wirklichkeit wird. Die HBO-Serie ist seit Kurzem auf Sky abrufbar. Schon viel länger wird darüber heftig diskutiert. Wie kann eine Serie über Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sprechen? Wie geht Aufzeigen und Aufklären, ohne runterzuspielen und Voyeurismus aufkeimen zu lassen?

📽️ Video | Trailer zu „I may destroy you"

Die britisch-amerikanische Ko-Produktion von und mit Michaela Coel hat sich für einen drastischen Weg entschieden, auch wenn die zwölf halbstündigen Folgen ihren Zusehern zunächst nur fragmentarische Erinnerungen der Protagonistin zumuten. Tabus, das wird im späteren Verlauf klar, werden in dieser Erzählung nicht akzeptiert. Ganz wichtig: Nicht die Tat an sich steht im Mittelpunkt, sondern die Folgen von sexueller Gewalt – für Frauen und Männer. Auch Arabellas Buddy Kwame (Paapa Essiedu) etwa erlebt Missbrauch durch einen anderen Mann.

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Wie gehen die beiden mit den Übergriffen um? Nicht ohne neben all der Tragik auch etwas Alltagskomik zuzulassen. Mit dem Tipp ihrer Therapeutin, Handarbeit oder Yoga zur Traumabewältigung zu nutzen, kommt Arabella zunächst gar nicht zurecht. Kein Buntstift, kein Intensiv-Work­out kann ihre Erinnerungen löschen. Nahezu manisch schießen Sätze wie „In Syrien ist Krieg“, „Manche Menschen haben kein Smartphone“ aus ihrem Mund – kurz: Nicht nur ihr wurde böse mitgespielt.

Stark ist die Serie deshalb, weil sie Arabella nie als bloßes Opfer präsentiert, sondern weil sie zulässt, dass sie dennoch eine überdrehte, verplante, fröhliche und zornige Person ist. Nach und nach stellt sich Arabella ihren Erinnerungen, nähert sich ihrer zerstörten Seele an. Kurzzeitig verleiht das Trauma dem Millennial ungeahnte Superkräfte, sie mausert sich zur Social-Media-Aktivistin, klagt öffentlich an. Doch als der Druck steigt, verstummt ihre Stimme.

„I may destroy you“ erzählt ganz selbstverständlich von einer diversen Gegenwart, den vielen Schattenseiten, Drogen, der Frage nach Identität, den Freunden, die wie Familie sind, einem prekären Leben in der hippen Großstadt. Die Serie ist authentisch, auch weil Regisseurin und Autorin Michaela Coel ihre eigene Geschichte verarbeitet. Und das gleiche Schicksal wie Arabella.


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