NBA-Star Pöltl: „Skifahren ist keine Option, aber natürlich geht’s mir ab“

Der Wiener Jakob Pöltl steht vor der fünften NBA-Saison. Abseits von Corona beschäftigt ihn die Hoffnung auf einen Stammplatz bei San Antonio.

Jakob Pöltl will nach vier Spielzeiten in der NBA künftig eine tragendere Rolle einnehmen.
© GEPA pictures/ Philipp Brem

Die abgelaufende NBA-Saison wurde über Wochen in „Disney World“ Orlando (Florida) zu Ende gespielt. Wie war es, in dieser Blase zu leben und zu spielen?

Jakob Pöltl: Am Anfang komisch, ich wohnte über einen Monat lang im gleichen Hotelzimmer. Der Freiraum war sehr eingeschränkt und wir durften das Hotelgelände nicht verlassen. Im Nachhinein gesehen war es gar kein so großes Problem. Sie haben uns genug Unterhaltungsprogramm geboten, so konnten wir etwa auf einem kleinen See mit einem Boot zum Fischen rausfahren. Hätte ich jedoch drei Monate dort verbracht, wäre die Gefahr eines Lagerkollers durchaus gegeben gewesen. Bei den Spielen selbst haben die Fans natürlich enorm gefehlt, die können dich aus einem Tief holen. So hat es sich oft wie in einem Trainingsmatch angefühlt, bei dem du dich selbst pushen musstest.

Die NBA soll 150 Millionen Dollar dafür in die Hand genommen haben, die neue Spielzeit soll frühestens im Jänner starten. Wie zuversichtlich sind Sie, dass eine reguläre Saison über die Bühne gehen kann?

Pöltl: Schwer zu sagen. Ich gehe davon aus, dass es zu einem Saisonstart kommen wird. Die Frage ist nur, wie und wann. Die Sicherheit steht an oberster Stelle. Eine erneute Blase kann ich mir nur für einen kurzen Zeitraum vorstellen, nicht jedoch über eine ganze Saison. Das wäre zum Beispiel für die Familien zu belastend.

Vor fast genau vier Jahren (am Nationalfeiertag 2016) feierten Sie Ihr NBA-Debüt für die Toronto Raptors. Sie sind aktuell ein eingeschränkt vertragsloser Spieler („Restricted Free Agent“). Das heißt, dass die San Antonio Spurs im Herbst mit jedem Angebot eines NBA-Konkurrenten gleichziehen können. Wie schätzen Sie Ihre Zukunft ein?

Pöltl: Puuuh … (Anmerkung: denkt lange nach) Das steht so sehr in den Sternen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich weiter für die Spurs spielen kann, aber es liegt nicht an mir. Ich weiß nicht, wie weit sie mit mir planen, wie weit sie bereit sind, bei Angeboten von anderen Klubs mitzugehen.

Gibt es einen Verein bzw. eine Stadt, wo Sie gerne spielen würden?

Pöltl: Nein, nicht unbedingt. Ich fühle mich in San Antonio wohl, ansonsten kenne ich nur Toronto.

Was ist Ihr persönlicher Anspruch nach vier Spielzeiten in der NBA?

Pöltl: Ich finde persönlich, dass ich noch einiges an Potenzial habe. Ich will künftig eine tragendere Rolle übernehmen als bisher. Es liegt an mir, dass ich mich verbessere. In der letzten Saison bin ich unter meiner eigenen Erwartung geblieben.

Was fehlt Ihnen zum ganz großen Durchbruch?

Pöltl: Da gibt es ein paar Faktoren: Offensiv muss ich mein Spiel erweitern. Ich muss auf mehrere Arten gefährlich sein. Außerdem habe ich auf der Center-Position hinter einem zweimaligen All Star gespielt, der im Schnitt 35 Minuten pro Partie am Feld war. Da bleibt nicht so viel Zeit übrig – oder ich muss auf andere Positionen ausweichen. Und es benötigt auch Glück.

Sie haben einen großen Bekanntheitsgrad, in Österreich fliegt Basketball unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Was braucht der Sport hierzulande, um sein Image aufzuwerten, wie es bei anderen US-Sportarten wie z. B. Football gelungen ist?

Pöltl: Basketball hat generell gute Schritte gemacht. Es würde sicher helfen, wenn sich das Nationalteam für ein großes Turnier qualifiziert. Wir müssten bei den Kindern noch mehr Interesse für Basketball wecken. Es braucht viel Zeit. Ich bin mir bewusst, dass ich viel Verantwortung trage. Umso größer mein Erfolg ist, desto mehr ist Basketball im Gespräch.

Neben Corona beherrschte im Frühjahr vor allem die Rassismus-Problematik die Schlagzeilen in den USA. Sie meinten, dass für viele Leute die Proteste ein größeres Problem seien als der Rassismus selbst.

Pöltl: Zuletzt war ich in Österreich, davor in der Blase in Florida, deshalb habe ich nicht so viel mitbekommen. Ich fürchte aber, dass nicht genug unternommen wurde. Vielen Leuten ist es nicht wichtig genug, sie verstehen nicht, wie präsent das Rassismus-Problem ist.

Steckbrief

Jakob Pöltl: geb. am 15. Oktober 1995 als Sohn zweier ehemaliger Volleyball-Nationalspieler; begann seine sportliche Laufbahn 2002 bei den Red Panthers/BC Vienna; Maße: 2,13 m/111 kg; gedrafted: 2016 von den Toronto Raptors, mittlerweile bei den San Antonio Spurs.

Am 4. November finden in den USA die Präsidentenwahlen statt. NBA-Superstar LeBron James findet klare Worte in der politischen Debatte. Wie laut ist Ihre Stimme?

Pöltl: Ich bin nicht so öffentlich mit meinen politischen Ansichten. Wir als Team und allen voran unser Coach sprechen das Rassismus-Problem so oft es geht an. Ich bin schon aktiv, versuche Gespräche zu starten, auch Medien gegenüber auf die Problematik hinzuweisen.

Anfang November geht’s wieder für mehrere Monate nach Amerika. Was vermissen Sie, abgesehen von Familie und Freunden, am meisten weit weg von zu Hause?

Pöltl: Das Essen, keine Frage. Aber besonders die Stadt Wien. Ich habe sie erst jetzt so richtig schätzen gelernt, wie schön es hier ist. Natürlich geht mir das Skifahren ab, das jetzt aber während meiner NBA-Karriere keine Option mehr ist. Ich erinnere mich aber gerne ans Skifahren am Arlberg zurück.

Das Gespräch führte Günter Almberger


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