„Die Ärzte“ mit neuem Album „Hell“: Plan B für Gitarristen

Kommerzpunk in Reinform mit Höhen und Tiefen: „Die Ärzte“ veröffentlichen ihr neues Album „Hell“.

Live lassen die Strahlemänner noch auf sich warten: Ihre Wien-Gigs wurden auf Ende 2021 verlegt.
© Steinmetz

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Die Punker tragen längst Krawatte. Den Ärzten (aus Berlin!) nimmt man das nicht einmal übel. Die dürfen das – so ernst haben sie den Nonkonformismus schließlich nie genommen. Weil nichts muss und alles darf, eröffnen Die Ärzte ihr neues Album „Hell“, das gestern erschien, auch gleich mit dem fiesen Autotune-Track „E.V.J.M.F.“: Sie hassen Trap und schreiben deshalb eine gute Trap-Nummer. Nach 1 Minute 42 Sekunden zündet jedoch der „Plan B“, der aus voller Kehle brüllt, Die Ärzte sind wieder da. So wie man sie kennt: rotzfrech, laut, verbal untergriffig.

Das vermissten ihre Fans, die es nach wie vor zuhauf gibt – ja, für sie herrschte in letzter Zeit akuter Ärzte-Mangel. Vor inzwischen über acht Jahren veröffentlichte die selbsternannte „Beste Band der Welt“ ihren letzten Longplayer „auch“. Seitdem beherrschten Gerüchte über Trennung, Altersmüdigkeit und Comeback gleichermaßen die deutschen Schlagzeilen. Doch Farin Urlaub, Bela B und Rod González mieden sich eine Zeitlang bewusst, erzählt Farin Urlaub heute in Interviews. Neben nebenberuflichen Soloprojekten machte das Ärzte-Sein hauptberuflich keinen so großen Spaß mehr, erklärt der Leadgitarrist. Die Ärzte zogen die Notbremse.

Mitten in der verordneten Heimquarantäne meldete sich das deutsche Trio, das es in dieser Konstellation seit 1993 gibt, dann musikalisch von zu Hause aus. Wie könnte es anders sein: mit einem Chanson über Langeweile. Ganz nebenbei die frohe Kunde: Ihr neues Album kommt bald.

Einen Lockdown später ist die Platte da. Bissig und relevant. Etwa wenn Bela B in „Achtung: Bielefeld“, seinem Plädoyer für den Müßiggang, darüber nachdenkt, ob nicht auch eine Mutter in Aleppo sich „ganz gern mal langweilen würde“. „Niemand wird als Faschist geboren“, heißt es dagegen altklug in „Liebe gegen Rechts“ – in dem Wissen, dass gegen die Neuen Rechten auch eine dicke Portion Zuneigung nicht reicht. Hinhören lohnt sich bei „Ich, am Strand“, einer Song gewordenen Instagram-Story, die in der ungefilterten Realität endet.

Etwas Selbstironie jedenfalls erhellt die Grundstimmung von „Hell“ gar höllisch: „Warum spricht niemand über Gitarristen?“ sinniert über den Niedergang der Gitarrenmusik. Fazit: Gitarreros sind Langweiler und können Stars wie Beyoncé nichts entgegensetzen. Ebenso wenig wie Reichsbürgern, Impfgegnern und der Klimakatastrophe übrigens.

Der Plan B für Gitarristen lautet bei Die Ärzte also: unbeirrt weitermachen. In „Plan B“ erklären sie dem Pop-Jungvolk, wie man die Gitarre hält und das Lärmgerät bedient – ohne neunmalgscheit zu wirken. Die Altpunker sind stets mitten in der Gegenwart, sie sprechen mit Siri über Sex mit Alexa (in „True Romance“), wissen, dass das Künstler-Sein immer etwas mit Leiden zu tun hat („Clown aus dem Hospiz“) und erkennen nachvollziehbar: Im Heute ist eigentlich eh schon alles Punk („Morgens Pauken“).

„Hell“ ist genau 1 Stunde 0 Minuten sauberer Kommerzpunk mit Höhen und Tiefen. Die Ärzte geben sich 2020 einmal mehr vielseitig und solide. Kurz wummern elektronische Beats, lange dröhnt die Sologitarre. Da reiten Latinorhythmus und ein Banjo vorbei, dort lauert Surf-Rock von anno 2001. In dieser Galaxie gibt es auch nach fast dreißig Jahren nur einen Gott: BelaFarinRod.

Punk/Pop. Die Ärzte: Hell. Hot Action Records.


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