Jelinek sieht wenig Fortschritte in Gleichberechtigung

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sieht trotz „Me-Too“-Bewegung und Frauenquoten wenig Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung. „Der Mann ist weiterhin der ‚Besitzer‘, der von der Arbeit der Frau profitiert. Er ist finanziell stärker und daher mächtiger, das ist seine Identität“, so die Autorin in einem seltenen Interview mit der Tageszeitung „La Repubblica“ anlässlich der Neuveröffentlichung ihres Werks „Die Liebhaberinnen“ in Italien.

Zweifellos sei die Lage der Frauen heute anders als jene vor 45 Jahren, als „Die Liebhaberinnen“ erstmals gedruckt wurde. Die Situation habe sich strukturell aber nicht gewandelt. Zwar hätten einige Frauen auch dank der Frauenquoten eine bessere finanzielle Lage erlangt, die Machtverhältnisse hätten sich aber nicht geändert.

„Ältere Männer heiraten fast immer jüngere Frauen. Nur selten stehen Männer und Frauen auf der gleichen Ebene“, betonte die Autorin. Frauen seien immer noch stark mit der Arbeit in der Familie, mit der Fürsorge für Kinder und Senioren beschäftigt.

Jelinek bezeichnet sich immer noch als Feministin. „Klar, dass ich eine Feministin bin. Was könnte eine Frau anderes sein?“, fragte die Autorin. Die #MeToo-Bewegung bezeichnete Jelinek als „sehr wichtig“, obwohl es auch in diesem Fall „Exzesse“ gebe, die immer wieder vorkämen, wenn es zum „sozialen Erwachen unterdrückter Gruppen zur Emanzipation kommt“.

Jelinek berichtete, dass sie in einer Familie aufgewachsen sei, in der die Rollen umgekehrt waren. „Bei uns war die Ehefrau, meine Mutter, eine unglaublich starke Figur, während der Vater schwach war. Beide zitterten wir vor meiner Mutter, doch das hat nicht geholfen, uns einander anzunähern. (...) Es war ein schwieriger Moment, als ich einsehen musste, dass Frauen nicht auf der Welt sind, um zu regieren, sondern, um unterdrückt zu werden“, sagte Jelinek.

Der Frust ihrer Jugend habe sie in „Aggressivität“ verwandelt. „Wenn man zu lange Zeit unterdrückt wird, wird man entweder aggressiv, oder resigniert. Damals war ich aggressiv, jetzt, wo ich alt bin und gesehen habe, dass sich fast nichts geändert hat, bin ich resigniert“, erklärte die Autorin.

2004 hatte Jelinek nicht an der Zeremonie zur Verleihung des Nobelpreises teilgenommen, weil sie an Agoraphobie leide. „Ich leide immer noch darunter. Diese Angststörung ist ein großer Hindernis in meinem Leben. Ich kann nicht reisen und das tut mir leid. In Wahrheit ist das mein größtes Leid“, sagte Jelinek.


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