Neuer Anlauf zu Swarovski-Umbau: „Offen für Börsengang oder Partner“

Swarovski rutscht heuer in die Verlustzone und will weltweit Shops und auch einige Werke schließen. Bei der Gesellschafterversammlung am Freitag gibt es einen neuen Anlauf zum Umbau der Konzernstrukturen.

Am Freitag steht bei Swarovski bei der Gesellschafterversammlung der nächste Entscheidungs-Tag an. Für Zündstoff ist gesorgt.
© www.muehlanger.at

Von Alois Vahrner

Wattens – Seit Monaten geht es bei Tirols größtem Industriekonzern Swarovski rund. Durch Billigkonkurrenz stand der Kristallkonzern mit Weltruf schon seit Jahren unter Druck („Die Preise machen teils nur drei bis vier Prozent unserer Preise aus“), heuer hat die Corona-Pandemie mit ihren globalen Verwerfungen Swarovski frontal getroffen. Zeitweise seien über 90 Prozent der Shops zu gewesen, die Umsätze brachen im 1. Halbjahr um die Hälfte ein. Übers Gesamtjahr rechne man mit einem Umsatzminus von 35 Prozent. Und es sei klar, dass man dadurch heuer von der Gewinnzone weit entfernt sei, sagte Swarovski-Chef Robert Buchbauer gestern im Gespräch mit Tiroler Medien. Und angesichts tiefer Einschnitte für die Beschäftigten werde es heuer sicher auch keine Dividende für die Gesellschafter geben können.

„Der Zug ist aus der Station gefahren“

„Wir haben mit unseren momentanen Produktionskapazitäten Schuhe an, die uns viel zu groß sind.“ – Robert Buchbauer (Swarovski-Chef)
© Zanon

Die „auf dem Papier schon vorher geplante nötige Transformation“ sei durch die Krise stark beschleunigt worden. „Der Zug ist aus der Station gefahren.“ Der Konzern müsse mit massiven Einschnitten reagieren, so Buchbauer. Man habe weltweit bereits 6000 Stellen gestrichen, man müsse einen Teil der 1500 eigenen Shops (dazu gibt es 1500 weitere mit Partnern) ebenso zusperren wie auch verschiedene Produktionen. In Thailand würden einige der acht Teilfabriken geschlossen, auch in Vietnam werde man die Produktion halbieren. Über andere Standorte werde bald entschieden (auch dem erst vor wenigen Jahren eröffneten Werk in Serbien könnte das Aus drohen).

Stark von Abbau betroffen ist auch das Swarovski-Stammwerk in Wattens. Nach einer ersten Welle zu Jahresbeginn werden per Jahresende 1000 Beschäftigte gekündigt, nächstes Jahr sollen noch einmal 400 auf dann verbleibende 3000 Stellen wegfallen. Mit großen Investitionen werde man versuchen, das in den letzten 125 Jahren gewachsene „und für uns heute zu große“ Firmengelände für die Zukunfts-Ansprüche umzustrukturieren. Wattens werde „Herz und Hirn“ von Swarovski bleiben, für die Zukunft habe man in den letzten Monaten Ideen für 3000 ausgearbeitet. „Diese haben wir bereits in der Schublade.“

Der massive Personalabbau, der auch eine Welle der Kritik aus Politik, AK, Gewerkschaft und Betriebsrat ausgelöst hat, sei leider alternativlos gewesen, betont Buchbauer. Vieles an Kritik, etwa dass Vertrauen zerstört wurde, sei aus verständlicher Emotion heraus geschehen. „Es ist eine extrem schwierige Zeit für alle.“ Man versuche, mit Sozialplan, Arbeitsstiftung und vielen weiteren Maßnahmen die Folgen möglichst umfassend abzufedern. Andere Tiroler Industriebetriebe hätten bereits Interesse an Hunderten von der Kündigung Betroffenen angemeldet.

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Festhalten an Umbau der Konzernstrukturen

Unbeirrt festhalten will die Unternehmensspitze trotz des heftigen familieninternen Streits am geplanten Umbau der Konzernstrukturen. Am Freitag werde man bei der Gesellschafterversammlung einen neuen Anlauf dafür starten. Plan sei, dass der Konzern künftig über eine Familienholding mit Sitz in Wattens gesteuert werde. An den jeweiligen Anteilen der über 80 Familien-Gesellschafter werde sich dadurch nichts ändern, sagt Buchbauer. Er geht davon aus, dass man für diese Lösung nicht mehr annähernd Einstimmigkeit, sondern bloß eine sehr hohe Mehrheit benötigen werde. Dass der Familienstreit dann über Jahre juristisch weitergeführt werden könnte, hoffe er nicht. Aber dieses „Restrisiko“ müsse man eingehen, weil es um zeitgemäße Entscheidungsstrukturen statt um aus seiner Sicht überholte Entsendungsrechte für die Familienstämme und „letztlich höchstgradig undemokratische Vetorechte“ selbst bei sehr kleinen Anteilen gehe.

Swarovski solle laut Buchbauer auch kapitalmarktfähig werden. Ein Börsengang oder die Hereinnahme von strategischen Partnern etwa aus der Luxusbranche seien da für die Zukunft sinnvolle Optionen. Jüngst aufgetauchte Gerüchte, dass etwa mit Rene Benko oder einem Investor aus Indien solche Partner möglicherweise schon bereitstünden, wies Buchbauer auf TT-Nachfrage zurück. „Wir haben sicher keine solchen Gespräche geführt.“

Familienstreit könnte weiter eskalieren

Vor wenigen Wochen hatte bei der letzten Gesellschafterversammlung ein Teil der über 80 Gesellschafter, begleitet auch von Protesten und einer Demonstration der Belegschaft, gegen den Struktur-Umbau gestimmt. Nach TT-Informationen könnte es am Freitag zum nächsten Krach und in der Folge, so die Umbau-Pläne auch gegen Widerstände durchgedrückt werden, zu Klagen und einem juristischen Nachspiel kommen.

Beide Seiten operieren auch mit Gutachten, welche Zustimmungs-Quote (hohe Mehrheit oder doch Einstimmigkeit) für solche richtungsweisenden Beschlüsse nötig sei. Einige Familienmitglieder sollen zuletzt auch an einem möglichen Übernahmeangebot für den Standort Wattens getüftelt haben.

Unterdessen laufen die Trennungsgespräche mit den 1000 betroffenen Beschäftigten weiter. Wie es heißt, teilweise mit schon fast chaotischen Wendungen – etwa dass etliche Gekündigte doch wieder gebraucht werden.


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