Trauerredner: „Wer über Trauer spricht, meint immer auch die Liebe“

Der Abschied steht zu Allerheiligen und Allerseelen im Zentrum. Für den professionellen Trauerredner Carl Achleitner ist er das ganze Jahr ein Begleiter. Was der Schauspieler nach 2500 Begräbnissen über die Trauer und die Spuren, die wir Menschen hinterlassen, gelernt hat.

Trauerredner Carl Achleitner.
© Lukas Beck

Von Andrea Wieser

Die Trauer gehört zum täglichen Leben von Carl Achleitner. Die Trauer der anderen. Der gelernte Schauspieler ist Trauerredner und weiß, wie schmerzhaft der Moment am Grab sein kann. Dennoch ist es sein Ziel, immer ein wenig Trost zu spenden. Ein guter Lehrmeis­ter sagte ihm zu Beginn seiner Arbeit als Trauerredner, das Ziel sei es, die Betroffenen ein paar Zentimeter größer zu entlassen. „Und das kann gelingen“, ist der 57-Jährige heute überzeugt. „Ich weiß es aus vielen Nachgesprächen, in denen mir Menschen erzählt haben, wie tröstlich das Begräbnis für sie war.“

Abschied vom eigenen Vater

Geplant hatte der Oberösterreicher seinen ungewöhnlichen Berufsweg nicht. Es war die Idee seiner Frau, Ann-Birgit Höller, so wie Achleitner selbst auch im Schauspielfach tätig, die ihm eine Stellenanzeige zum Thema vorlas. Achleitners erste Reaktion darauf war ein beherztes „Niemals“. Vielleicht aus heutiger Sicht, weil er Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Tod hatte. Schlussendlich ergab sich aber doch ein Termin mit der zuständigen Agentur Stockhausen, Achleitner sprach vor und wurde genommen.

Nun, 2500 Begräbnisse im Raum Wien und viele emotionale Situationen später, zieht er in einem Buch Bilanz und spart dabei die eigene Trauer nicht aus. Sein Großvater, ein liebevoller und geduldiger Mann, sei ihm in bester Erinnerung. Nicht so der eigene Vater, der den jungen Sohn prügelte, bis er nicht mehr auf seinem Hosenboden sitzen konnte. Die Spuren auf Achleitners Seele sind bis heute zu finden. Als es Zeit war, sich auf dem Friedhof vom eigenen verstorbenen Vater zu verabschieden, wählte Achleitner seine Worte mit Bedacht. „Ich danke dir für alles, was gut war, und versuche dir zu verzeihen, was nicht gut war“, sagte er seinem Vater zum Abschied

Letzte Worte am Grab

Als Trauerredner ist Achleitner aber der Zuhörer, wenn andere Menschen sich verabschieden müssen, und wird so Zeuge von sehr unterschiedlichen letzten Worten. Manchmal bleiben sie aus, manchmal kommen sie fast nicht über die Lippen. Eine Liebeserklärung blieb Achleitner besonders in Erinnerung. Es war das Begräbnis einer alten Frau namens Mitzi. Ihr Ehemann Edi, nun Witwer, rührte den professionellen Trauerredner zu Tränen, als er am Sarg stehend offen seine Gefühle aussprach: „Mitzimausi, ich danke dir. Ich habe mit dir das beste Leben gehabt, das ich mir vorstellen kann. Danke, dass du immer da warst. Danke, dass du mich so lang ausgehalten hast. Danke für alles. Ich liebe dich.“ Mit einem Kuss auf den Sarg krönte Edi den Moment.

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Buch-Tipp: Carl Achleitner, geboren 1963 in Grieskirchen in Oberösterreich, ist Schauspieler und seit neun Jahren Trauerredner. Gerade ist sein Buch „Das Geheimnis eines guten Lebens, Erkenntnisse eines Trauerredners“ (224 S., edition a) erschienen.
© edition a

Die Situation war durchaus ungewöhnlich, denn nicht immer werden die Gefühle derart klar und deutlich formuliert, um die Liebe geht es aber immer. „Ich frage die Betroffenen vorweg, ob der Verstorbene Spuren der Liebe hinterlassen habe“, erzählt Achleitner aus seinem Berufsalltag. Im Falle einer Tochter, die sich von ihrer Mutter verabschieden musste, waren es sogar „Canyons der Liebe“, wie sie selber sagte. Also im besten Sinne tiefe Täler, die die Mama im Herzen ihrer Tochter hinterlassen hat.

Diese Spuren sind wohl die wichtigste Lektion, die Achleitner aus 2500 Begräbnissen gelernt hat. „Jeder Mensch hinterlässt Spuren“, ist seine Erkenntnis. Und das ist die Weisheit für die Lebenden, die er in seinem Buch weitergeben will. Dass es eben vor dem Tod Zeit ist, die eigene Geschichte und somit die seiner Mitmenschen zu gestalten.

Albert Schweitzer (1875–1965), deutsch-französischer Arzt, Philosoph und Friedensnobelpreisträger, formulierte das einst so: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren, die unsere Liebe in den Herzen anderer Menschen hinterlässt, wenn wir gehen müssen.“

Abschied hat viele Gesichter. In Achleitners Erinnerung haben nicht alle die Worte gefunden, die Edi seiner Mitzi sagen konnte. Manchmal waren es auch Objekte, die symbolhaft für die zu Ende gegangene Beziehungen standen. So brachte ein alter Gefährte dem Verstorbenen ein Buch mit. Es handelte sich um „Der perfekte Freund“ von Martin Suter. Der Betroffene ließ damit den Schweizer Autor für sich sprechen. „Gerade wenn Kinder am Begräbnis teilnehmen, werden oft Zeichnungen und Bilder mitgebracht“, erinnert sich Achleitner an eine andere Form der „Grabbeigabe“. Und manchmal sei auch eine Erinnerung an das Hobby des geliebten Menschen dabei, wie ein Motorradhelm etwa.

Achleitners Aufgabe ist es, Menschen zu begleiten. „Selbst trauern kann ich nicht, denn ich habe den Menschen nicht gekannt“, steckt er seine Grenzen fest. Das hat ihn aber in der Vergangenheit nicht davor bewahrt mitzufühlen. „Als Mitzi ihre Liebeserklärung bekam, musste ich ein paar Tränen verdrücken“, erinnert sich Achleitner. Wenn die Situation sehr tragisch ist, fällt es auch dem Trauerredner nicht leicht, die Fassung zu bewahren. Als er zum Beispiel für einen 18 Jahre jungen Mann, der bei einem Unfall gestorben war, die Trauerrede halten musste, wünschte sich die Freundin des Opfers das Lied „Perfect“ von Ed Sheeran. Dieser Moment hinterließ selbst beim Profi Spuren. Das berühmte Lied ist bis heute nichts für Achleitners Ohren, „ich muss es sofort wegschalten, wenn es im Radio kommt“. So sehr erinnere es an die schwer zu ertragende Situation.

Das Herz ist dabei

Begräbnisse fallen sehr unterschiedlich aus, „weil jeder Mensch sein eigener Kosmos ist, mit seinem eigenen Weg, seinen eigenen Wirklichkeiten und seiner eigenen Bilanz, wenn der Weg die Ziellinie erreicht hat“, weiß Achleitner. Das führe dazu, dass Bestattungen eigentlich selten vergleichbar wären. Dennoch ist da ein Punkt, in dem sie sich dann doch ähnlich sind. Das Thema bei einer Bestattung ist immer eine Herzensangelegenheit. „Wer über die Trauer spricht, meint immer auch die Liebe.“ Das lasse sich gar nicht voneinander trennen. Insofern ist diese auch immer dabei, wenn wir Abschied nehmen.


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