Lage noch stabil aber Tiroler Sozialmärkte spüren Corona-Krise

In den Tiroler Sozialmärkten rechnet man damit, dass die Zahl der Hilfesuchenden infolge von Corona steigt. So manche Einrichtung registriert bereits zahlreiche neue Kunden – oft Alleinerziehende und junge Familien.

Im Landecker Sozialmarkt, dem Martiniladen, registrierte man heuer einen Zuwachs an neuen Kunden.
© Reichle

Landeck, Kitzbühel, Lienz, Imst, Innsbruck, Schwaz, Wörgl – In den Regalen stapeln sich Waren wie Mehl, Brot, Nudeln, Saft und Salz. Auf den ersten Blick ist der Martiniladen nicht von einem ganz „normalen“ Greißler zu unterscheiden. Tatsächlich ist der Landecker Sozialmarkt aber überlebenswichtige Anlaufstelle für viele, die sich einen Einkauf im Supermarkt nicht mehr leisten können. Und mit der Corona-Krise wächst der Kundenstamm. „Es kommen neue Kunden dazu – Leute, die noch nie in einer Situation wie dieser waren“, bestätigt Obmann Dietmar Wolf. Viel hängt derzeit davon ab, wie sich der kommende Winter entwickelt. „Entspannen wird es sich sicher nicht“, so Wolf. Viele Tourismusmitarbeiter hängen in der Luft und wissen noch nicht, wie es bei ihnen weitergeht.

Auch Michaela Landauer, Geschäftsführerin des Tiroler Sozialmarktes TISO in der Innsbrucker Adamgasse, geht derzeit davon aus, dass die Auswirkungen von Kurzarbeit und steigender Arbeitslosigkeit auch in den Sozialmärkten verstärkt spürbar sein werden. „Viele Menschen werden zwar über Weihnachten noch versuchen, den Schein zu wahren“, doch spätestens mit Jahresende werde u. a. die Frage von Mietrückständen und Delogierungen endgültig virulent werden. Landauer rechnet ab Anfang des nächsten Jahres mit einem noch „wesentlich größeren Kundenstock“. Aktuell gebe es rund 3800 Klienten mit Einkaufskarten.

Anstieg nach dem Sommer

In Kitzbühel spürt man die Auswirkungen der Pandemie bereits. „Durch Corona waren viele in Kurzarbeit und auch im Tourismus gab es viele Arbeitslose, das haben wir gemerkt“, schildert Sozialreferentin Hedi Haidegger. Im Sommer sei die Situation etwas besser geworden, doch nun merke man wieder einen Anstieg. Der Andrang sowohl auf den Lebensmittelladen als auch den Kleiderladen steige wieder. Derzeit sind in Kitzbühel über 100 Personen berechtigt, in diesen Läden einzukaufen. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein Anstieg von 10 Prozent zu verzeichnen. „Es sind vor allem Alleinerzieherinnen und Familien dazugekommen“, so Haidegger.

Laut Monika Geiger vom Barbara-Laden in Schwaz kommen immer mehr Familien, bei denen das Einkommen der Mutter durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise wegfällt. „Das sind Frauen, die meist geringfügig beschäftigt waren und nun als Erste gekündigt werden. Da geht es um 300, 400 Euro, die fehlen und das Kartenhaus nun zum Kippen bringen“, sagt sie.

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Kein Anstieg in Reutte

Ganz anders die Situation in Reutte: Im Paulusladen ist ein negativer Corona-Effekt erwartet worden, aber nicht eingetreten. Obmann Martin Storf auf die Frage, ob die Zahl der Klienten zugenommen habe: „Da muss ich ganz klar Nein sagen, unsere Zahlen sind stabil.“ Reuttes Rotarier hatten zum Beispiel, wie berichtet, dem Paulusladen vor Längerem 200 Gutscheine zu je zehn Euro zukommen lassen, um Corona-Geschädigten so einen formlosen Einkauf im Laden ohne besondere Nachweise zu ermöglichen. Obwohl Institutionen wie Caritas, Basis, die Gemeinden oder die BH Reutte darüber informiert wurden, seien gerade einmal 20 Gutscheine „gegangen“.

Während Andreas Sailer als Obmann des Sozialmarktes Imst (Somi) durchaus schon einige neue – zumindest mündliche – Anfragen registriert, kann auch der Geschäftsführer des Roten Kreuzes, Thomas Köll, „die neue Armut noch nicht feststellen“. Im Somi sind derzeit 114 berechtigte Kunden registriert, pro Woche gibt es an die 50 Einkäufer, so Geschäftsführer Peter Fleischmann. „Waren hätten wir für die doppelte Anzahl“, sagt Obmann Sailer.

„Der Bedarf ist da und wird vermutlich noch steigen“

Der große Ansturm blieb bisher auch bei den Tafeln in Wörgl, Kufstein und Kramsach aus – der Kundenstamm ist stabil, berichtet Stefan Treffer, Leiter der Gesundheits- und Sozialdienste des Roten Kreuzes im Bezirk Kufstein. Doch er sei gespannt, „wohin die Reise geht. Zu uns kommen viele erst, wenn die totale Armut ausgebrochen ist. Noch sind die Auswirkungen der Krise ja nicht so spürbar“, rechnet auch Treffer mit einer Zunahme ab Weihnachten. „Der Bedarf ist da und wird vermutlich noch steigen“, glaubt aber auch Heidi Rißl­egger, Leiterin des Carla Sozialmarktes in Wörgl.

Die Zahl der Einkäufer im Sozialladen Lienz (Solali) ging in der Zeit des Lockdowns sogar von täglich knapp 50 auf nur noch zehn zurück. Das Überangebot von Waren aus Handel und Gastronomie fand auch in Lienz kaum noch Abnehmer. „Von der Ausgangssperre waren vorerst Ältere betroffen“, berichtet die Geschäftsführerin Sandra Holzer. Zunehmend spürten nun aber vor allem junge Familien wirtschaftliche Not, erklärt die Solali-Geschäftsführerin. „Kurzarbeit oder gar der Verlust des Arbeitsplatzes führen zu massiven Einkommensverlusten. Die Betroffenen stehen vor der für sie völlig unbekannten Situation, dass vor dem Ende des Monats nur noch 20 Euro übrig sind. Im Sozialladen kann man damit ein Vielfaches an Waren des täglichen Bedarfs kaufen, als es im regulären Handel möglich wäre.“ (TT)


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