Home Schooling und Co.: Tirols Jugend will gehört werden

Tirols Jugendliche haben die „Politik des Drüberfahrens“ satt. Immer häufiger trauen sie sich, öffentlich ihre Meinung zu sagen und für ihre Zukunft einzutreten.

Viele Schüler verzweifeln langsam beim Lernen alleine zuhause.
© Getty Images

Von Eva-Maria Fankhauser

Innsbruck — Den jungen Tirolerinnen und Tirolern reicht's. Sie wollen und können ihre Meinung nicht mehr zurückhalten, denn immer wieder wird aufgrund der Corona-­Pandemie über ihren Kopf hinweg entschieden, was wohl das Beste für sie ist. Doch keiner fragt, wie es ihnen damit geht. Viele haben das Gefühl, dass sie niemand hören will. Daher trauen sich immer mehr Jugendliche, öffentlich das zu sagen, was sie seit Wochen und Monaten beschäftigt.

„Hom mia nit olle as Recht af Schuale? Kinnats es enk des foastelln foan Computer zhockn und enk Sochn selwa beibringen de es enka Lebn long nu nia keat hobs? Kinnts es enk in a Umgebung konzentriern, wo olls grot wichtiga war?", schreibt die junge Zillertalerin Julia Höllwarth. Sie besucht die LLA Rotholz, und das sehr gerne. Sie will mit ihrem Beitrag wachrütteln und aufzeigen, dass man ihr und ihren Mitschülern durch den Heimunterricht etwas nimmt, das für die Jugend seit Jahren normal war. Und: „Vastehts es mi, dass mitnond lernen viel netta isch, wia alluane an zimma zhockn und ban verzweifln zsei?" Sie erklärt, dass ihre Welt kopfsteht und sie Angst hat, dass sie den Unterrichtsstoff nie so können wird wie die Klassen vor ihr.

Mit ihrer Meinung steht die 14-Jährige nicht alleine da. „Ich habe noch nie so etwas getan, meine Meinung so auf Facebook geteilt. Aber ich hätte auch nie damit gerechnet, dass so viele Leute positiv auf meine Worte reagieren", sagt sie im TT-Gespräch. Der Zorn über die Situation musste laut ihr einfach mal raus. Innerhalb kürzester Zeit wurde ihr Beitrag hundertfach geteilt und kommentiert. „Der Zuspruch war riesig", sagt die Zillertalerin. Für viele Schüler hat sie mit ihren Worten genau den Nerv getroffen und einen „Gänsehaut-Moment" geschaffen. „Endlich mal jemand, der sich das offen zu sagen traut", meint eine 17-jährige Schülerin. Ein anderer findet, dass man einer ganzen Generation etwas wegnehme und dass es ein zu großes Opfer für ein­e ganze Generation sei. Die Schüler wünschen sich, dass man sich mehr in sie hineinversetzt, versteht, wie es ihnen geht.

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Mit welchen Maßnahmen kommen Jugendliche gut klar und mit welchen so gar nicht?

Adriano Kiechl: Ich verstehe die Maskenpflicht in Bus und Bahn, aber im Jugendzentrum stört es mich total. So was sollte man da machen, wo Risikogruppen sind.

Niklas Angerer: Viele der Maßnahmen sind für mich kein Hindernis, solange eh nicht mehr als sechs Leute in einem Raum sein dürfen.

Sarah Unterlercher: Für mich sind das Home-Schooling und die Sperrstunde am schlimmsten. Manche Leute habe ich seit Monaten nicht mehr getroffen.

Elias Moritz: Ich verstehe nicht, warum wir nicht in die Schule dürfen, man im Bus oder bei Versammlungen aber nebeneinander sitzt.

Auch in der HTL Jenbach ist die Freude übers Lernen zu Hause gering. „Wir halten das schon noch einmal einen Monat oder so aus. Aber Dauerzustand ist das keiner", sagt Julia Rauter aus Kramsach. Die Schülerin will klarstellen, dass es so nicht ewig weitergehen könne. „Das gemeinsame Lernen fehlt uns allen total. Wir sitzen den ganzen Vormittag alleine vorm Computer. Und auch, wenn manche Fächer ganz gut über Videokonferenz gemacht werden können, klappt das nicht überall", sagt die Kramsacherin.

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Ihrem Ärger Luft machen die Jugendlichen auch beim Thema Sperrstunde und zur Eingrenzung der sozialen Kontakte. Eine Schülerin erklärt, dass man ohnehin schon fast nur noch digital miteinander kommuniziere. „Der richtige Kontakt geht mir total ab, es fühlt sich nicht gut an". Viele sehnen sich nach mehr Freiraum. „Und das geht auch mit Abstand, wir müssen ja nicht aufeinanderpicken", meint ein Jugendlicher. Manche Freund­e treffe man auch nur durchs Ausgehen. Es fühl­e sich wie ein­e Isolation an. „Jetzt feiern wir halt daheim, aber das passt ja auch wieder nicht und macht auch keinen Spaß auf Dauer", sagt ein Schüler im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Eine andere meint: „Ich würde den Politikern gern­e sagen, dass wir mit dem Virus leben werden müssen. Weil alles andere hat ja nicht funktioniert."


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