Friedhöfe als Orte der Ruhe auch für die Lebenden

Ein gemeinsames Gedenken an die Verstorbenen wird es in diesem Jahr zu Allerheiligen nicht geben. Die Friedhöfe aber bleiben offen, und viele in Tirol sind ganz besonders. In der Not entstehen aber auch immer kreative Ideen, die ein Zusammensein ermöglichen.

In Mühlau liegt Georg Trakl begraben.
© Foto Rudy De Moor

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Das Andenken an die lieben Verstorbenen in Ehren zu halten, ist mehr als nur eine Tradition, vielen Menschen ist es auch ein echtes, großes Bedürfnis. „Meistens ist das Denken auch ein Danken“, sagt Rudolf Silberberger, Pfarrer in Terfens und Konservator der Diözese Innsbruck. Aber es ist auch ein Reden über die Mutter, den Vater oder andere Angehörige, damit die Erinnerung an sie lebendig bleibt.

Eine Familie, deren Mitglieder in Innsbruck, Wien, Salzburg und München leben und die erstmals nicht zu Allerheiligen in Innsbruck zusammenkommen können, versucht es mit einem Pilotprojekt, das sich „Home Grieving“ – „grieving“ bedeutet trauern – nennt. Angeboten wird die Online-Plattform, die auf Videokommunikation rund um die Themen Grabkultur, Kommunikation und Trauerbewältigung aufbaut, in Tirol von einem belgischen Start-up mit Steinmetz Peter Lutz, der auch den Prototyp des digitalen Grabsteins entwickelte, wie er am Pradler Friedhof steht.

Das Grab von Diana Budisavljević auf dem Innsbrucker Westfriedhof.
© Foto Rudy De Moor

Die Teilnehmer an der virtuellen Zeremonie treffen sich per Videokonferenz, die auch von einem Seelsorger oder Trauerberater begleitet werden kann. An dem Pilotprojekt beteiligen sich sieben Familien in mehreren europäischen Ländern, Marktstart ist für 2021 geplant. „Für uns ist das Projekt eine Möglichkeit, unser alljährliches Ritual in einer anderen Form beizubehalten“, sagt die Tochter des Verstorbenen, die in Innsbruck lebt. „Besonders meiner Mutter war es wichtig, dass diese Tradition nicht verloren geht.“ Anstatt sich am Friedhof zu treffen und danach zusammenzusitzen, sehen die Familienmitglieder einander am Bildschirm, im Hintergrund ein Foto vom Grab des Vaters.

Durch die Covid-Pandemie hat sich – verstärkt durch die Digitalisierung – auch die Friedshofskultur verändert. Auch Kerzen können längst virtuell angezündet werden und dauerhaft brennen. Pünktlich zu Allerheiligen veröffentlicht die Erzdiözese Salzburg das Themenportal www.eds.at/trauer. „Natürlich kann das alles aber nicht ersetzen, dass man sich selbst auf den Weg macht zu dem Menschen, der einem viel bedeutet hat“, sagt Alexander Legniti, Leiter der städtischen Innsbrucker Friedhöfe.

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Viele sind etwas ganz Besonderes, meint er. Wer genau schaut oder auch gezielt sucht unter www.ibkinfo.at/grabsuche-online, findet etwa am Westfriedhof das Grab von Diana Budisavljević, geborene Obexer, jener mutigen Innsbruckerin, die im Zweiten Weltkrieg eine Hilfsaktion ins Leben rief, die Tausenden Kindern aus den Todeslagern des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien das Leben rettete. Am Westfriedhof gibt es rund 60 Ehrengräber, aber auch die meisten gotischen oder barocken Grabdenkmäler. In Mühlau ist der berühmte Dichter Georg Trakl begraben. Auf einem Hang liegend ist die Stätte laut Diözesankonservator Silberberger einer jener typischen Bergfriedhöfe, von denen aus in die Weite oder Unendlichkeit geblickt werden kann. Von Igls aus schaut man ins Inntal hinunter, und der Wiltener Friedhof ist jener, in den die Skispringer bei Fernsehübertragungen von der Bergiselschanze zu springen scheinen.

Eines der Grabkreuze vom Friedhof Kramsach.

Für Legniti sind die Friedhöfe aber auch Museen, grüne Lungen, Tierparks, in denen Turmfalken und Mäusebussarde beobachtet werden können, und Orte der Ruhe auch für die Lebenden.

Einer der berühmtesten Österreicher, der Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger, ist in Alpbach begraben. Als lustigster gilt natürlich der „Friedhof ohne Tote“, der Museumsfriedhof in Kramsach, mit seinen humorvoll-derben Lebensweisheiten auf den Grabkreuzen. Ein Beispiel: „Es ruhet die ehr- und tugendsame Jungfrau Genovefa Voggenhuberin, betrauert von ihrem einzigen Sohn.“

Welcher der schönste Tiroler Friedhof ist, das wollen aber weder Silberberger noch Legniti sagen: „Jeder ist etwas ganz Besonderes.“


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