Gemischte Reaktionen zum Kultur-Lockdown

In der Nacht auf Dienstag, 3. November, tritt der erneute Lockdown auch im Kulturbereich in Kraft. Alle Theater, Opern- und Konzerthäuser sowie auch Museen müssen bis zum 30. November schließen. Ausgenommen sind Proben und künstlerische Darbietungen ohne Publikum, die zu beruflichen Zwecken erfolgen. Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Christian Kircher stellte sich hinter die verkündeten Maßnahmen. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zeigte sich „enttäuscht“.

„Der Lockdown - so schmerzlich er ist - ist auch aus Sicht der Bundestheater nachvollziehbar“, so Kircher: „Die Verbreitung der Pandemie ist nicht kontrollierbar - das müssen wir zur Kenntnis nehmen.“ Auf lange Sicht wäre davon auch die Kultur nicht unbetroffen geblieben: „Angesichts der steigenden Zahlen wäre es nur eine Frage der Zeit, wann es auch im Theaterbereich vermehrt zu Fällen kommen würde. Wir müssen uns der Realität stellen, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt: die Gesundheit der Bevölkerung.“

Zugleich unterstrich Kircher, dass gerade im Kulturbereich die Präventionskonzepte vorbildlich umgesetzt wurden und funktioniert hätten: „Die Tatsache, dass wir bei mehr als 100.000 Besucherinnen und Besuchern keinen einzigen Coronafall hatten, ist eine Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten. Wir haben unseren Beitrag dazu geleistet, dass die Pandemie in der Kultur deutlich weniger präsent ist als in anderen Bereichen.“

Das Geld für verkaufte Tickets für den Zeitraum des neuerlichen Lockdowns soll retourniert werden. „Wir haben im ersten Lockdown rund 300.000 Karten rückabgewickelt - und das steht uns jetzt wieder bevor“, zeigte sich der Holding-Geschäftsführer zugleich zuversichtlich. Wichtig sei, dass die Proben erlaubt blieben, weil man so nach Ende des Lockdowns sofort starten kann. Dennoch sei klar: „Wir prüfen, ob wir Teile der Belegschaft in Kurzarbeit schicken können.“ Premieren, die für den Zeitraum der erzwungenen Schließung angesetzt waren, versuche man nun, auf einen der Folgetermine zu schieben.

„Enttäuscht und traurig“ zeigte sich Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, dass die Museen „entgegen dem Entwurf der Verordnung nun doch geschlossen werden müssen“. Man habe verabsäumt, die Voraussetzungen differenziert zu betrachten. Gerade die Museen hätten sich in den vergangenen Monaten vorbildlich verhalten.

„Die Albertina hat, ohne gesetzliche Vorgaben, noch im Juli bei niedrigen Infektionen, die ausnahmslose Maskenpflicht eingeführt und den Mindestabstand von einem Meter garantieren können.“ Auch habe man bei der Entscheidung zur Schließung „nicht berücksichtigt, dass unsere Lüftungs- und Klimaanlagen alle 5 bis 10 Minuten den Sauerstoff einer Galerie komplett austauschen.“ So kritisiert er, dass in vielen Restaurants „weder dieser Abstand am Tisch noch bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen zum Vorder-und Hintermann eingehalten werden, zu schweigen davon, dass vorschnell die Maskenpflicht in Veranstaltungsräumen abgeschafft wurde“.

Das alles habe gemeinsam mit einem „leider auch vielfach verantwortungslosen Umgang in manchen Teilen der Gesellschaft dazu geführt, dass es nun unausweichlich zu diesem Lockdown kommen musste, um die Gesundheitsversorgung jener zu gewährleisten, die dringend eine komplexe medizinische Betreuung brauchen“.

Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) wandte sich mit einem Schreiben an Vertreter der österreichischen Kunst- und Kulturszene. Sie bedaure zutiefst, dass man erneut auf einen Großteil des Kulturlebens verzichten müsse. „Geschlossene Kulturbetriebe sind eine Katastrophe. Sie sind aber derzeit notwendig, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.“

„Auch mir blutet deshalb das Herz. Es braucht jetzt aber eine gemeinsame Kraftanstrengung der gesamten Bevölkerung, um die Ausbreitung des Virus wieder in den Griff zu bekommen“, so Mayer in ihrem Schreiben, das der APA vorliegt. „Ich arbeite weiterhin mit aller Kraft daran, die Unterstützungsmaßnahmen im Kunst- und Kulturbereich so zu gestalten, dass Österreichs Kunst- und Kulturlandschaft auch diese erneute schwierige Phase übersteht. Mein erklärtes Ziel ist es, diese Landschaft in ihrer ganzen kreativen Kraft und Vielfalt zu erhalten. Türen, die jetzt geschlossen werden, müssen sich auch wieder öffnen.“

Staatsopern-Direktor Bogdan Roscic hält eine Diskussion um die Schließung der Kultur müßig angesichts der nun getroffenen Maßnahmen der Bundesregierung. Man probe im Haus am Ring nun weiter und habe die Priorität, die für den kommenden Monat eigentlich geplanten Neuproduktionen zu beschützen und in den Dezember zu retten, unterstrich er gegenüber der APA.

Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM), unterstrich, dass sie „natürlich nicht“ einverstanden sei mit der Entscheidung der Politik, im Zuge des Lockdowns nun auch die Ausstellungshäuser zu schließen. „Wir sind sehr getroffen, dass die Museen schließen müssen“, so Haag im APA-Gespräch - zumal sich gerade auch Kulturstaatssekretärin Mayer sehr für die Häuser eingesetzt habe. Aber nun sei eben ein nationaler Kraftakt gefragt.

Der künstlerische Vorstandsdirektor der Linzer Veranstaltungsgesellschaft (LIVA, u.a. Brucknerhaus und Posthof) Dietmar Kerschbaum ist der Meinung, dass es durchaus möglich gewesen wäre, den Kulturbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Publikum habe dem Sicherheitskonzept im Brucknerhaus vertraut, und es habe keine Ansteckung in den Häusern der LIVA und in anderen Kultureinrichtungen des Landes gegeben, wie er mitteilte.

Die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der persönlichen Freiheit seien zu respektieren, „weil offensichtlich allein dadurch ein noch größerer Schaden von unserem Land abgewehrt werden kann“, so Kerschbaum. Der künstlerische und wirtschaftliche Schaden sei allerdings enorm und „wir hoffen sehr, dass wir diesen abgegolten bekommen“. Das Publikum habe dem im Frühsommer erarbeiteten Sicherheitskonzept vertraut, was auch die hohen Auslastungszahlen im Herbst etwa beim Internationalen Brucknerfest gezeigt hätten.

Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig zeigte Verständnis, dass in Zeiten des allgemeinen Lockdowns auch die Museen geschlossen würden. Die Eindämmung der Coronainfektionen habe absolute Priorität. Trotz höchster Sicherheitskonzepte seien nun alle gesellschaftlichen Einrichtungen aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten, so die Museumschefin in einer Stellungnahme gegenüber der APA: „Jetzt gilt es, die Zeit der Schließung bestmöglich zu nutzen.“


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