Um 78 Prozent mehr Intensivpatienten in einer Woche

In den heimischen Spitälern wird es angesichts sich weiters rasant ausbreitender Infektionen mit dem Coronavirus eng. Seit vergangenem Montag ist ein Anstieg um 62 Prozent bei den Covid-19-Patienten in den Spitälern zu verzeichnen. Auf den Intensivstationen machte das Plus sogar 78 Prozent aus, teilte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) mit. Neu gemeldet wurden am Montag 4.135 Infektionen. 336 Patienten bedürfen derzeit intensivmedizinischer Betreuung.

Sollte diese Entwicklung anhalten, könnte es im intensivmedizinischen Bereich kritisch werden, warnte Anschober mit Nachdruck. Sollte das nicht gelingen, „steuern wir auf eine erhebliche Krisensituation zu“, meinte er. Man müsse „alles tun, um die Trendwende ab Mitte November zu erreichen“. Er gehe davon aus, „dass die Zahlen (was die Neuinfektionen betrifft, Anm.) in dieser Woche deutlich steigen werden.“

Der Infektiologe Herwig Kollaritsch, der auch der Corona-Taskforce von Anschober angehört, appellierte an die Bevölkerung, die Sozialkontakte „drastisch einzuschränken“. In der nunmehrigen epidemiologischen Lage gehe es darum, die effektive Reproduktionszahl - sie liegt aktuell bei 1,4, das heißt ein Infizierter steckt unter den aktuellen Bedingungen im Durchschnitt 1,4 Personen an - deutlich zu senken.

Von einem Impfstoff könne man sich keine Wunderdinge erwarten, dämpfte Kollaritsch die Hoffnung, ein solcher könnte die Pandemie zügig beenden. Nur mit einem transmissionsblockierenden Impfstoff, mit dem die Bevölkerung breit durchgeimpft wird, sei Herdenimmunität zu erreichen. Er rechnet damit, dass es im ersten Quartal 2021 einen oder mehrere Impfstoffe mit unterschiedlichen Baustrukturen und Eigenschaften geben wird, die gezielt eingesetzt werden können. Nicht für jedermann sei damit Impfschutz zu erzielen. „Wir sind schon glücklich, wenn wir damit 70 Prozent der Bevölkerung erreichen“, meinte Kollaritsch.

Wichtig sei es daher, „auf Monate, vielleicht viele Monate“ die Schutzmaßnahmen - das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, das Beachten des Mindestabstands zum Nächsten und das Reduzieren von Sozialkontakten - beizubehalten. Das sei so lange ein Muss, „bis wir sagen können: Brand aus“, betonte der Infektiologe.

Gesundheitsminister Anschober trat am Montag unterdessen auch dem Vorwurf der „Offensive Gesundheit“ - ein Zusammenschluss von Gewerkschaften, Arbeiter- und Ärztekammer - entgegen, er gefährde Patienten „vorsätzlich“, indem er es zulasse, dass schwach positiv getestete Mitarbeiter weiter in Spitälern, Pflegeheimen und mobilen Diensten arbeiten. „Es wird niemand arbeiten, der ein aktives Infektionsgeschehen hat“, versicherte Anschober. Man werde „kein Risiko eingehen“.

Die „Offensive Gesundheit“ hatte dem Gesundheitsministerium unterstellt, es werde der Eindruck erweckt, als habe es „keinerlei Bedeutung“, einen positiven Covid-19-Befund zu haben, wenn betroffene Mitarbeiter in Spitälern und Pflegeheimen weiter eingesetzt würden, solange sich bei ihnen keine Symptome zeigen.

„SARS-CoV-2 positive Personen können in der Regel frühestens zehn Tage nach Symptombeginn und 48 Stunden Symptomfreiheit ohne weitere Auflagen aus der Quarantäne entlassen werden und dürfen somit auch ihrer Arbeit wieder nachgehen“, hielt dem das Gesundheitsministerium in einer Aussendung entgegen. Um die höchsten Sicherheitsstandards zu garantieren, sei man bei Gesundheits- und Pflegepersonal noch vorsichtiger, da ein enger Kontakt mit Risikogruppen besteht.

Die Quarantäne bei Gesundheits- und Pflegepersonal werde zwar nach zehn Tagen aufgehoben, für den Arbeitsantritt brauche es aber einen negativen PCR-Test. Das Ergebnis eines PCR-Tests könne trotz eingetretener Genesung aber wochenlang positiv bleiben, die Person jedoch nicht mehr ansteckend sein. In diesen Fällen muss laut Gesundheitsministerium bei den Betroffenen der sogenannte Ct-Wert - das Mengenmaß vorhandener Virus-RNA - über 30 liegen, damit sie wieder ihren Dienst verrichten dürfen. Ab diesem Wert bestünde in der Regel keine Ansteckungsgefahr mehr. Ansteckend sei man bei milden Verläufen im Regelfall maximal bis zu zehn Tage nach Symptombeginn, wobei die höchste Ansteckungsgefahr rund um den Symptombeginn liegt.

„Mit diesem Vorgehen ist das höchstmögliche Maß an Gesundheitsschutz im Gesundheits- und Pflegebereich sichergestellt“, bekräftigte das Ministerium. Nach wie vor sei „selbstverständlich sichergestellt, dass infektiöse Personen nicht im Gesundheits- und Pflegebereich arbeiten“. Die neue Verordnung habe nichts an diesem Vorgehen geändert, man werde aber das Gespräch mit der Gewerkschaft suchen.

Die „Offensive Gesundheit“ signalisierte unterdessen, Mitarbeiter, die als Kontakt 1-Personen gelten, wären weiterhin zu einem freiwilligen, selbst entschiedenen Arbeiten bereit. Die Einführung einer Teststrategie in Spitälern und Pflegeheimen wurde grundsätzlich begrüßt. Dass es keine Teststrategie für die mobile Pflege und Betreuung sowie die Rettungs- und Krankentransporte gebe, sei jedoch „vollkommen unverständlich“, da gerade die dort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig in Kontakt mit Risikopatienten stünden, hielt die „Offensive Gesundheit“ fest.


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