Experten: Kinder nicht unreflektiert informieren

Die seit Monaten anhaltende Coronakrise und nun der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt ist für Kinder nur schwer zu verdauen. Für Eltern ist der Umgang mit der Situation eine Herausforderung. „Bezugspersonen liefern Emotionen mit“, sagte nämlich Traumapsychologe Cornel Binder-Krieglstein. „Eltern müssen nicht in jeder Situation souverän sein“, betonte gleichzeitig Soziologin Ulrike Zartler von der Uni Wien. Sie sollten nicht tun, als wären sie nicht emotional betroffen.

Binder-Krieglstein rät, die Information über die schrecklichen Nachrichten nicht völlig ungefiltert weiterzugeben, die Botschaft selbst einmal „emotional vorzuverdauen“. Die Wortwahl, die Stimmlage und der Affekt - ob etwas ruhig und langsam weitergegeben wird -, sind bei der Erklärung für die Kinder ausschlaggebend. Mit einer „konsistenten, nachhaltigen, gleichbleibenden, lösungsorientierten und ich-syntonen Form“ muss das Geschehene übermittelt werden, um es authentisch zu machen.

Zunächst muss die Gemütsbewegung der Eltern eingeordnet werden, was bedeutet das für jemand Einzelnen. Dann sollten sich Mutter und Vater überlegen, was das für die Familie bedeutet, gibt es ein Gefährdungspotenzial und wie handelt man. Danach sollte alles dem Kind altersgerecht übermittelt werden. „Einem Zweijährigen werde ich die Situation anders erklären, als einem Zwölfjährigen“, sagte Binder Krieglstein.

Kinder vertrauen ihren primären Bezugspersonen - egal ob beim Coronavirus, bei Terror oder bei Liebeskummer. Und sie haben das Recht auf authentische Antworten ihrer Fragen. „Hilflos ausgeliefert sein und kopflos Herumrennen“ bringe nichts.

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Seit Monaten haben Kinder unter der Coronakrise zu leiden, zunächst im Home Schooling und als dann endlich wieder der Unterricht mit physischer Anwesenheit begonnen hat, wurde der zweite Lockdown verkündet. „Seit März haben wir eine außergewöhnlich Lage, die Verzicht und neue Regeln mit sich bringt“, meinte der Traumapsychologe. Und nun kam das laut Binder-Krieglstein „Tüpfelchen auf dem I“, der Terroranschlag in Wien.

Die Coronakrise unterscheidet sich allerdings von dem Terroranschlag, der sehr schnell akut und bedrohlich gekommen sei, sich aber auch schnell wieder abflachen werde. Aber die Pandemie „wird uns noch länger beschäftigen“, sagte Binder-Krieglstein. Während man sich bei der Coronakrise an die Umstände gewöhnt - wie etwa das Maskentragen - „an Gewalt- und Bedrohungszenarien gewöhnen wir uns nicht“, meinte er.

Man dürfe nicht unterschätzen, dass die Kinder aufgrund der ständigen Unsicherheit während der Coronapandemie schon vor dem Anschlag in einer Ausnahmesituation waren, betonte auch Zartler gegenüber der APA. Die Eltern seien ebenfalls „schon am Anschlag“, so die Soziologin, die seit März die Auswirkungen der Pandemie auf Familien beforscht. Dass nun zusätzlich noch dieses bedrohliche Ereignis auftrete, könne für Kinder durchaus traumatisierend sein. „Das ist nicht zu unterschätzen.“

Das Phänomen der Terroranschläge sei zwar nicht neu. „Aber es erzeugt eine massive Verunsicherung, dass so etwas auch bei uns möglich ist“, so Zartler. Vor allem für Kinder in Wien sei der Anschlag an Orten, die sie selbst kennen und an denen sie schon waren, „auch ein Anschlag auf die eigene persönliche Integrität“.

Auch für Zartler ist das Wichtigste, dass Eltern mit ihren Kindern die Situation ausführlich altersgemäß besprechen und ihnen Stabilität geben, indem sie ihnen versichern, dass sie in Sicherheit sind und die Polizei sich darum kümmert, die Situation zu klären. Fantasien der Kinder, etwa von Angeifern vor der Haustüre, müsse man früh besprechen. „Sonst können Ängste und Albträume entstehen.“

Ähnlich die Empfehlungen, die das Kinderschutzzentrum „Die Möwe“ am Dienstag ausgeschickt hat: Eltern sollten in altersadäquater Sprache sachlich erklären, was passiert ist, und zwar ohne zu übertreiben oder die Aufregung ins Lächerliche zu ziehen. „Kinder gehen meist sehr pragmatisch mit solchen Ereignissen um“, so „Möwe“-Geschäftsführerin Hedwig Wölfl. Außerdem sollen Eltern ihren Kindern Sicherheit geben, indem einerseits das Vertrauen in die Gefahrenabwehr durch die Polizei gestärkt wird, andererseits durch Aufrechterhalten von Normalität (Frühstück wie immer, Pläne für den Tag machen). Die Entscheidung, ob die Kinder in Schule oder Kindergarten gebracht werden, sollten die Eltern treffen und die vereinbarten Uhrzeiten auch einhalten.

Eine besondere Herausforderung sieht Zartler für die Pädagoginnen in den Wiener Kindergärten und Schulen. Immerhin müssten diese bei jedem Kind, das dort heute betreut wird, zunächst herausfinden, was ihre Eltern ihnen über den Anschlag erzählt haben und ihnen dann erklären, wieso die meisten anderen Kinder und Jugendlichen nicht da sind.

(S E R V I C E - Menschen in psychischen Krisen können sich bei der psychiatrischen Soforthilfe rund um die Uhr unter (01) 31 330 melden.)


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