Nach Anschlag in Wien: Rückkehr des IS in aufgeheizter Stimmung

Der deutsche Kriminalanalyst Mark Hofmann und der deutsche Nahost-Experte Udo Steinbach sehen neuen Nährboden für Jihadisten und die Wiederkehr des IS.

Ein Polizist nahe des Tatortes in der Wiener Innenstadt.
© HERBERT PFARRHOFER

Von Floo Weißmann und Christian Jentsch

Wien, Berlin – Bisher wähnte man sich in Österreich nicht im Visier von Jihadisten. Doch am Montagabend wurde auch Wien Schauplatz islamistischen Terrors. Der Attentäter von Wien war ein Anhänger der radikalislamistischen Terrormiliz IS. 2018 versuchte er sogar nach Syrien zu reisen, um sich dort der Miliz anzuschließen.

Für den Berliner Kriminalanalysten Mark Hofmann war es „eher Glück“, dass es in Österreich nicht schon früher zu einem jihadistischen Anschlag gekommen ist. „Das islamistische Personenpotenzial ist auch in Österreich und in Wien hoch – bezogen auf die Bevölkerung sogar höher als in Deutschland“, sagte er der TT. Hofmann beobachtet in der Szene „im Moment eine aufgeheizte Stimmung“. In den ersten Monaten des Jahres war es ruhiger geworden – „auch die islamistische Szene ist in den Lockdown gegangen“. Dem IS sei es trotz zahlreicher Aufrufe nicht gelungen, Sympathisanten zu Anschlägen zu bewegen. Jetzt aber wirken die Anschläge in Frankreich und die Kampfrhetorik der Politik als Motivation und Inspiration für weitere Anschläge. „Terrorismus kommt in Wellen“, sagt Hofmann. Der Experte stellt klar, dass er es für richtig und alternativlos hält, sich entschlossen gegen Terrorismus zu stellen. Aber zugleich spiele die politische Rhetorik den Jihadisten in die Hände, nach dem Motto: „Seht her, die wenden sich gegen uns.“ Jihadisten streben ja einen Endkampf an, sagt Hofmann.

Daraus folge nun nach den Anschlägen von Frankreich und Wien generell eine erhöhte Gefährdung in Europa. Und: Die Anschläge werden oft nicht mehr von großen Organisationen zentral geplant und durchgeführt, sondern von Sympathisanten, die zwar ideologisch verbunden sind, aber nicht unbedingt institutionell. Sie schlagen dann in ihrer Umgebung los.

Hofmann zufolge verschwimmt die Grenze zwischen politisch motiviertem Terrorismus und einem Amoklauf aufgrund von persönlichen Problemen. „Wenn ein 20-Jähriger sich radikalisiert, weil er Youtube-Videos schaut oder weil seine Partnerin ihn verlassen hat, können die Sicherheitsbehörden kaum etwas dagegen tun.“ Präventiv tätig werden könne allenfalls das Umfeld.

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Der deutsche Islamwisschenschafter und Nahost-Experte Udo Steinbach sieht die aufgeheizte Stimmung als Katalysator für ein Wiedererstarken des IS. „Da wird auf eine Spaltung der Gesellschaft gesetzt, die wachsende Kluft zur muslimischen Bevölkerung soll zur Radikalisierung genutzt werden“, erklärt Steinbach gegenüber der TT. Inmitten dieser Turbulenzen hieße dann die Botschaft: „Das Kalifat lebt fort, der Kampf gegen die Ungläubigen geht weiter“, so Steinbach. Da spiele es auch nur eine untergeordnete Rolle, wo die Anschläge verübt werden. Der IS hatte 2014 weite Teile Syriens und des Iraks unter seine Kontrolle gebracht und ein „Kalifat“ ausgerufen. Ende März 2019 wurden die letzten Bastionen des IS in Nordsyrien von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten mit US-Unterstützung gestürmt. Heute sind Tausende ehemalige IS-Kämpfer und ihre Familien in kurdisch kontrollierten Gefängnissen und Lagern inhaftiert. Doch die ihrerseits von der Türkei angegriffenen Kurdenmilizen sind laut Steinbach kaum noch in der Lage, diese unter Kontrolle zu halten. Tausende frühere IS-Kämpfer konnten bereits flüchten. „Die Strukturen des IS und seine Zentrale wurden zwar zerstört, doch wir beobachten ein diffuses Weiterleben des IS. Und er nimmt wieder Gestalt an“, erklärt Steinbach.


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