Keine Hinweise auf zweiten Täter nach Anschlag in Wien

Nach dem islamistischen Terroranschlag in der Wiener Innenstadt gibt es vorerst keine Hinweise auf einen zweiten Täter. Das sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bei einer Pressekonferenz am Nachmittag. Vier Menschen und der Täter wurden getötet, insgesamt 22 weitere Menschen verletzt. Im Umfeld des Täters fanden in Wien und Niederösterreich 18 Hausdurchsuchungen statt, 14 Personen wurden vorläufig festgenommen. Trotzdem gilt weiter eine erhöhte Sicherheitswarnung.

Der erschossene Täter wurde als 20-jähriger nordmazedonisch-österreichischer Doppelstaatsbürger mit Namen Kujtim Fejzulai identifiziert. Er hatte eine Haftstrafe wegen terroristischer Vereinigung hinter sich, weil er versucht hatte, nach Syrien auszureisen und sich der radikalislamistischen Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen. Allerdings wurde er am 5. Dezember vorzeitig bedingt entlassen - er galt als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes.

Nehammer übte Kritik an der Justiz. Der 20-Jährige habe es geschafft, „das Deradikalisierungsprogramm der Justiz zu täuschen“, sagte Nehammer. Es bedürfe daher einer „Evaluierung und Optimierung des Systems“. In der Wohnung des Attentäters wurden bei einer Hausdurchsuchung Munitionsteile sichergestellt. Zusätzlich wurde umfangreiches weiteres Beweismaterial beschlagnahmt, das erst ausgewertet werden muss. Es gebe aber bereits ein „klares Indiz zur Nähe zum Islamischen Staat (IS)“.

In zahlreichen Stellungnahmen meldeten sich den ganzen Tag über Politiker und Würdenträger zu Wort. Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach von einem „feigen terroristischen Attentat auf das Herz unserer Gesellschaft“. Es habe offenbar allen gegolten, die das Leben in einer freien Gemeinschaft schätzten und hochhielten. Man werde aber nicht klein beigeben. „Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe“, so der Bundespräsident.

„Wir werden uns von Terroristen nicht einschüchtern lassen“, unterstrich auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Ein älterer Herr, eine ältere Dame, ein junger Passant und eine Kellnerin seien durch den Anschlag „aus dem Leben gerissen“ worden. Man werde die von den Islamisten angestrebte Spaltung der Gesellschaft nicht zulassen: „Wir werden diesem Hass keinen Raum geben.“ Der Feind sei der islamische Extremismus, nicht alle Angehörigen einer ganzen Religion. Kurz dankte auch für die Vielzahl an internationalen Solidaritätsbekundungen.

Die Präsidialkonferenz des Bundesrats zeigte sich „tief erschüttert“: „Das niederträchtige Attentat zielt auf das Herz unserer Demokratie und auf den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Schüsse hätten unschuldige Menschen und damit auch Freiheit und Nächstenliebe getroffen: „Wir werden uns dem keinesfalls beugen, sondern gemeinsam gegen Hass und Gewalt zusammenstehen.“

Die Polizei konnte bisher drei Tatorte sichern. Der Mann wurde am Ruprechtsplatz erschossen, nachdem er dort eine Kellnerin getötet hatte. Auch weitere tödliche Schussabgaben konnten rekonstruiert werden, am Fleischmarkt sowie am Franz-Josefs-Kai.

Das Innenministerium präzisierte am Dienstag, an welchen Orten der Attentäter auf seine Opfer geschossen hat. Demnach verletzte er eine in einem bekannten Lokal beschäftigte Kellnerin am Ruprechtsplatz 1 tödlich. An derselben Adresse wurde der 20-Jährige später von Polizeikräften erschossen.

Neben dem Tatort vor der Ruprechtskirche konnten mittlerweile zwei weitere tödliche Schussabgaben rekonstruiert werden. Ein Opfer wurde demnach an der Adresse Fleischmarkt 4 getötet, ein weiteres am Franz Josefs Kai 21. Auf den schwer verletzten 28-jährigen Polizisten feuerte der Terrorist am Franz Josefs Kai 29. Der genaue zeitliche Ablauf ist noch nicht geklärt.

Laut der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) soll der Täter „nicht aus unserer unmittelbaren Religionsgemeinschaft“ gekommen sein. Präsident Ümit Vural verurteilte das Attentat. Es handle sich um eine „feige, abscheuliche Tat“. Der Imam Ramazan Demir, selbst ehemaliger Gefängnisseelsorger, betonte, dass der Mann bereits in Haft gewesen sei, was ihn „umso trauriger“ mache, denn: „Gefängnisse sind Brutstätte der Radikalisierung.“

Am Bundeskanzleramt und der Präsidentschaftskanzlei wurden Dienstagfrüh die Flaggen auf halbmast gesetzt. Auch an allen Ministerien und öffentlichen Gebäuden war das der Fall. National und international zeigten sich Politiker entsetzt über den blutigen Anschlag und erklärten sich solidarisch mit Österreich.

Die Wiener Innenstadt war in den Morgenstunden wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Die Schulen befanden sich in ganz Wien im „Notbetrieb“. Die Schulpflicht wurde in Absprache mit dem Innenministerium für den Dienstag aufgehoben.


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