Terrorismusforscher im TT-Studio: „Nicht jeder mit Sinnkrise wird zum Terroristen“

Terrorismusforscher Franz Eder plädiert für breitere Deradikalisierungsprogramme. Die Schließung von radikalen Moscheen sei hingegen ein „zweischneidiges Schwert“.

Der Tiroler Politikwissenschafter Franz Eder (r) spricht im TT-Studio mit Jasmine Hrdina über Hintergründe von Anschlägen und Terrorismus.
© TT

Innsbruck –Österreich konnte nicht von Anschlägen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verschont bleiben. Dies­e Meinung vertraten nach dem Anschlag in Wien mit fünf Toten und mehr als 20 Verletzten viele. Politikwissenschafter Franz Eder sieht das differenzierter. Der Terrorismusforscher erklärt im TT -Studio: „Es ist ja nicht so, dass die Terrororganisationen einen Anschlag anschaffen.“

📽️ Video | Terrorismusforscher Eder im TT-Studio

Es sind meist jugendliche Männer in Krisenphasen, die in die Hände radikaler Gruppierungen geraten. „Nur wegen einer Sinnkrise wird man nicht zum Terroristen. Aber es sind Schlüsselmomente.“ Eder führt aus: „Sie haben das Gefühl der Perspektivenlosigkeit. Sie entfremden sich von Freunden und Familie, suchen nach Sinn und Identität und finden dann in radikalen Netzwerken neue Ziele. Dort gelten sie plötzlich etwas.“ Das passiere häufig im Internet, aber auch offline.

Die gestern von Kultusministerin Susanne Raab angekündigte Schließung zweier radikaler Moscheen in Wien bewertet Eder als „zweischneidiges Schwert“. Damit bestätige man genau jen­e Gruppierungen, die sich selbst ausgegrenzt fühlen, in ihrer Annahme. Zugleich mache man Mitglieder, die keine radikalen Tendenzen haben, zu Aussätzigen. „Man startet einen Prozess, der zu noch mehr Radikalisierung führt“, zeigt der Studiendekan auf.

Strengerer Gesetze bedarf es laut Eder nicht. Der Fall des Wiener Attentäters habe gezeigt: Der Verfassungsschutz hatte genug Informations- und Handlungsmöglichkeiten. „Es war ein klares Behördenversagen.“ Er plädiert für breitere Deradikalisierungsprogramme, auch auf städtischer Ebene. Man müsse den Austausch zwischen Behörden und Gemeinschaften, wo Radikalisierungen stattfinden, verstärken. (jazz)


Kommentieren


Schlagworte