Italiens Spitäler stehen wegen Corona-Pandemie vor Kollaps

Piemont hat wegen hoher Patientenzahlen bereits Hilfe angefordert. 40 Prozent der Deutschen sind laut Spahn Risikopatienten. China vermutet eine Schweinshaxe als Infektionsherd.

Die angenehmen Temperaturen am Wochenende lockten Millionen Italiener ins Freie und wie hier in Rom kamen sich viele Menschen dann doch ein wenig zu nah, um vor dem Virus sicher zu sein.
© AFP

Rom, Berlin, Budapest – In Italien droht der Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Der Ärzteverband rief die Regierung gestern auf, einen landesweiten Lockdown wie im März und April zu verhängen, um die Epidemiekurve zu drücken. Das Szenario sei „dramatisch“, sagte Ärztekammerpräsident Filippo Anelli. Bald könne man keine Patienten mehr behandeln, die unter anderen Krankheiten als Covid-19 leiden. Daher seien drastische Maßnahmen notwendig.

Besonders schwierig ist die Lage erneut in der zur „roten Zone“ erklärten norditalienischen Region Piemont. Die regionalen Gesundheitsbehörden appellierten an NGOs, Ärzte zu entsenden, da das Gesundheitswesen nicht mehr in der Lage sei, dem zunehmenden Druck von Patienten standzuhalten. In Neapel bildeten sich Schlangen von Autos und Krankenwagen vor den Notfallstationen, die keine Covid-19-Patienten mehr aufnehmen konnten.

Für den Chef der Mailänder Infektiologie ist die Situation dementsprechend bereits außer Kontrolle. Die Anti-Covid-Maßnahmen müssten jetzt mit extremer Strenge umgesetzt werden, sagte er dem TV-Sender Rai 3.

Trotz des Appells der Regierung, auf soziale Kontakte zu verzichten, waren viele Italiener am Wochenende in Parks und in den Stadtzentren unterwegs. Der Bürgermeister von Bari, Antonio Decaro, postete Bilder von Mitbürgern, die in Massen entlang der Küste spazieren gingen. „Diese Bilder sind eine Ohrfeige für die Covid-Kranken und die Unternehmer, die wegen der Epidemie ihre Betriebe schließen müssen“, protestierte er.

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Impfstoff-Debatte in Deutschland

Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran hat damit begonnen, seine Landsleute auf ein „etwas spezielles“ Weihnachtsfest vorzubereiten. Er wolle keine Prognose stellen, er hoffe aber inständig, dass die strengen Ausgangsbeschränkungen bis dahin gelockert sein werden. Auch in Frankreich kommen die Intensivstationen in einigen Landesteilen bereits an ihre Grenzen.

In Deutschland hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Debatte darüber angestoßen, wer zuerst geschützt werden soll, sobald ein Impfstoff zur Verfügung steht. Darüber sollten alle Bürger diskutieren, meinte er. Denn in den ersten Wochen, eventuell Monaten nach einer Zulassung werde es noch nicht für alle Impfstoff geben.

Ethikrat, Impfkommission und Leopoldina hatten dargelegt, zunächst sollten Kranke, Ältere und in zentralen Bereichen beschäftigte Menschen geimpft werden. Doch selbst für diese Gruppen werde nicht so schnell ausreichend Serum vorhanden sein, warnte Spahn. Immerhin, so der Gesundheitsminister Sonntagabend auf Bild live, gehörten bis zu 40 Prozent der Deutschen zur Risikogruppe. 23 Millionen seien über 60. Und: „Wir sind ein Wohlstandsland mit Zivilisationskrankheiten: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewichtigkeit. Alles Risikofaktoren für dieses Virus, wie für viele Infektionskrankheiten übrigens auch.“

Corona-Gefahr durch fettes Essen

Eine sehr unmittelbare Corona-­Gefahr durch fettes Essen glaubt China entdeckt zu haben. Die Volksrepublik will eine über Bremerhaven importierte Schweinshaxe als Auslöser für eine neue Corona-Infektion ausgemacht haben. Staatliche Medien berichteten, ein Arbeiter habe sich in der Stadt Tianjin in einem Kühlhaus infiziert. Bei Test seien Virus-Spuren an der Verpackung einer gefrorenen Schweinshaxe entdeckt worden. Das deutsche Landwirtschaftsministerium wies den Vorwurf als höchst unwahrscheinlich zurück.

Nach Angaben des Bundesinstitut­s für Risiko­bewertung ist davon auszugehen, dass das Coronavirus unter Gefrier-Bedingungen und in Dunkelheit für mehrere Wochen infektiös bleiben kann. Der aktuelle Fall sei schwer zu beurteilen, sagte Sprecher Jürgen Thier-­Kundke. Ein solcher Übertragungs­weg erscheine eher als unwahrscheinlich, ganz auszuschließen sei er aber nicht.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat gestern einen Lockdown über sein Land verhängt – mit Maßnahmen, die den österreichischen recht ähnlich sind.

Inzwischen wurden weltweit nach Angaben der Universität Johns Hopkins mehr als 50 Millionen Ansteckungen mit dem Virus SARS-CoV-2 verzeichnet. In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der gemeldeten Fälle im Schnitt jeweils um rund 600.000. (TT, APA, dpa)


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