Drohende Pflichtschulschließungen: Das große Aufbäumen

Pflichtschulen droht ab Montag der zweite Lockdown. Tirol, Kärnten und Niederösterreich bringen Antigentests an den Start, um das zu verhindern. Zurückhaltung bei Eltern verwundert.

Um die Schulen offen zu halten, würde Tirol sogar eine Maskenpflicht im Unterricht akzeptieren.
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Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – PCR- und Gurgeltests dauern zu lange. Antigentests liefern bereits nach 15 bis 20 Minuten ein Ergebnis. Wenngleich ein weniger sicheres. Trotzdem, in Tirol, Kärnten und Niederösterreich laufen seit 4. November an Schulen diese Pilotprojekte, die Anfang Dezember auf ganz Österreich ausgedehnt werden sollen, wie Bildungsminister Heinz Faßmann (VP) gestern verkündete.

Das Ziel ist klar: Mit diesem Schritt wollen Länder wie Bildungsministerium die drohenden Pflichtschulschließungen doch noch abwenden. Denn je schneller ein Testergebnis da ist, desto rascher können Verdachtsfälle abgeklärt, Infektionsketten unterbrochen und trotzdem der Präsenzunterricht aufrechterhalten werden.

In Tirol befanden sich mit Stand gestern bereits 2967 Schüler und Lehrer Covid-bedingt zu Hause. Sei es, weil sie positiv getestet sind (761 Fälle), sei es als Kontaktperson oder aber nur aufgrund eines noch ausständigen Testergebnisses.

Hintergrund

Die Schulen zusperren oder offen halten? Trotz Lockdowns werden ja die bis zu 14-Jährigen weiterhin vor Ort unterrichtet, für die Oberstufler gibt es „Distanc­e Learning“. Nicht nur Wissenschafter sind dahingehend uneins. Auch Regierungsmitglieder sind es.

ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, so berichten Kundige, möchte die Bildungsstätten schließen, ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann will das nicht. Dieser sei ob der Debatte mittlerweile in „innerer Emigration“, habe gar gedroht zurückzutreten, heißt es. Als Uni-Professor, als einer nicht aus dem Türkisen-Zirkel, wolle er nicht exekutieren, was aus diesem vorgegeben werde. Grünen-Gesundheitsminister Rudolf Anschober bremse die Zusperr-Befürworter ebenfalls. Warum drängt Kurz darauf, Schulen zuzumachen – obwohl Boulevardmedien, auf deren Positionierung Kanzler seit jeher schauen, dagegen sind?

Die Deutung: Ob der Verschärfungen seit Dienstag vergangenener Woche – Gastronomie­betriebe sind gesperrt – seien nur zwei weitere großflächige Maßnahmen möglich: Schulen wie im Frühjahr dichtzumachen oder den Handel, ausgenommen Lebensmittelgeschäfte und Apotheken. Gegen Letzeres stemmten sich Wirtschaftsvertreter, mit starker Lobby in der ÖVP. Aber Läden offen zu halten, die Schulen nicht, wird schwer argumentierbar sein. Vor allem gegenüber Eltern

Rücklauf überraschend niedrig

Für die Antigentests müssen Eltern aber eine Einverständniserklärung abgeben. Im Verdachtsfall kommt in Tirol ein mobiles Einsatzteam an die Schule. Der Bund hat vorerst 5000 Testkits zur Verfügung gestellt. Die Rücklaufquote der Einverständniserklärungen ist auch für Landesrätin Beate Palfrader und Co. verwunderlich. In den beiden Testbezirken (146 Schulen, Bezirke Innsbruck-Stadt und -Land) liegt sie derzeit schulübergreifend bei nur 34,6 Prozent. Im Volksschulbereich bei knapp 53 Prozent, in den AHS bei 28 und in HAK/HTL lediglich im einstelligen Bereich. Das enttäuscht. Bildungsdirektor Paul Gappmaier und Landeselternverbands-Präsident Christoph Drexler führen das auch auf mangelnde Infos zu den Tests zurück. Die Angst der Eltern vor dem Nasen-Rachen-Abstrich bei ihren Kindern sei aber unbegründet, versichert Landesschulärztin Claudia Mark.

Trotz aller Signale aus Wien rechnet Palfrader weiter nicht mit einem umfassenden Schullockdown. Um dem Vorschub zu leisten, will Palfrader auch die Schulautonomie beschneiden. Sie bat das Bildungsministerium jetzt um eine Verordnungsermächtigung, um eine generelle Schulbeginnzeiten-Entzerrung anordnen zu können. Sollte Wien aber tatsächlich die Schließung anordnen, sei man gerüstet, so Palfrader. Das wäre aber freilich nur ein kleiner Trost.


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