Corona-Verschärfungen: Kanzler Kurz lotet die Stimmung in den Ländern aus

Bis Samstag soll Entscheidung fallen, welche Verschärfungen die Regierung in der Corona-Krise vornimmt. Gestern konferierte Bundeskanzler Kurz mit der Tiroler Volkspartei.

Bundeskanzler Kurz (l.) und Gesundheitsminister Anschober beraten am Freitag und am Samstag mit den Experten.
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Innsbruck, Wien — Bundeskanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) brauchen noch Zeit. 48 Stunden, hieß es gestern, um die Entwicklung nach dem "leichten" Lockdown seit Dienstag vergangener Woche zu analysieren.

Der erhoffte Rückgang bei den Infektionszahlen ist im Gegensatz zum Frühjahr nicht eingetreten, die Mobilität wurde durch die Ausgangsbeschränkungen in der Nacht, das Zusperren der Gastronomie und Hotellerie sowie das Veranstaltungsverbot laut den am Donnerstag vom US-Internetkonzern Google veröffentlichten Bewegungsdaten lediglich um 28 bis 32 Prozent gebremst. Im März und April betrug dieser Wert 50 Prozent. Deshalb wird es Verschärfungen geben, weil auch der Höhepunkt der Neuinfektionen noch gar nicht erreicht wurde.

Viel mehr als ein Lockdown mit deutlich mehr Einschränkungen wie beispielsweise in Südtirol bleibt der Regierung aber nicht mehr übrig. Südlich des Brenners wurde der Handel dichtgemacht, die Bewohner dürfen nur noch berufsbedingt und aus wichtigen Gründen ihre Gemeinde verlassen, für die Schulen gilt Fernunterricht. Alles orientiert sich derzeit an den Spitalskapazitäten, aus den Krankenhäusern kommen bereits täglich Warnungen. Zwar können die Kapazitäten noch ausgebaut werden, aber 50 Prozent der Intensivbetten sind bereits ausgelastet.

Hoffnung auf rasche Wende schwindet

Kurz lotet derzeit die Stimmung in seinen Landesorganisationen aus, gestern gab es eine Videokonferenz mit den Spitzen der Tiroler Volkspartei und dem Landtagsklub. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck nahm ebenfalls daran teil. Der Parteichef bat dabei um Verständnis, Kurz kündigte jedoch an, dass man notfalls an großen Schrauben drehen und nicht nur nachjustieren werde. Wenn, dann dürfte generell der Handel geschlossen werden und nicht nur die Einkaufszentren, wo Massenansammlungen für Kritik sorgen.

Freitag und Samstag wird die Regierung mit ihren Experten beraten, doch angesichts von 9262 positiven Tests innerhalb von 24 Stunden am Donnerstag schwindet die Hoffnung auf eine rasche Wende. Was Kurz am Donnerstag gegenüber seinen Parteikollegen deutlich gemacht hat: Die Schließung der Pflichtschulen ist der letzte Schritt bei weiteren Beschränkungen.

Ampelkommission für offene Schulen

Die Schulfrage polarisiert. Die Corona-Ampelkommission hat sich Donnerstagabend für weiterhin offene Schulen für die unter 14-Jährigen ausgesprochen. Die Bildungsdirektionen, die Bildungslandesreferenten und auch viele Ärzte haben schon im Vorfeld vor einem Bildungs-Lockdown gewarnt. Auch die Wirtschaft spricht sich massiv dagegen aus. Wirtschaftskammer wie Industriellenvereinigung haben sich auf die Seite der Öffnungs-Befürworter geschlagen. Wohl auch, weil sie wissen, dass der Bund kaum argumentieren wird können, die Schulen zu schließen, den Handel aber geöffnet zu halten.

Da ist guter Rat teuer, Auswege sind nur mit viel Fingerspitzengefühl und wohl nur im Einverständnis mit der mächtigen Lehrergewerkschaft zu finden. Folglich zirkulieren im Umfeld der türkis-grünen Bundesregierung erste Ansätze, diesen gordischen Bildungsknoten zu durchtrennen. Ein Blick nach Deutschland liefert eine angedachte Variante.

Dort wird gerade über eine Verlängerung der Weihnachtsferien diskutiert. Ferienverordnung - das könnte auch in Österreich zum Thema werden. Gehen die Schulen zu, dürften sie nämlich kaum vor den Weihnachtsferien wieder aufgehen, so der Tenor. Um aber die verlorene Präsenz-Schulzeit wieder hereinzuholen, soll es bereits erste Überlegungen geben, die Ferienverordnung aufzuweichen. So könnten etwa die Semesterferien gestrichen oder aber gar die neunwöchigen Sommerferien drastisch gekürzt werden, heißt es.

Eine andere Denkschule soll sein, es gar nicht erst zu Schulschließungen kommen zu lassen. Hierfür bräuchten die Schulen aber ein schärferes Hygiene-Maßnahmenpaket. Eine diesbezügliche Punktation dürfte bereits vorliegen. Ein derartiges Paket soll freiwilliges Home-Schooling, eine Ausweitung der Antigen-Schnelltests, eine generelle Mund-Nasen-Schutzpflicht für die Sekundarstufe 1 (10- bis 14-Jährige), eine räumliche Ausdehnung des Unterrichts mit der Anmietung von leer stehenden Sitzungs- und Veranstaltungssälen, FFP2-Masken für den gesamten Lehrkörper sowie auch einen gestaffelten Schulbeginn umfassen. Letzteres obliegt derzeit den Schulen selbst - also müsste in die Schulautonomie eingegriffen werden.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat sich noch nicht festgelegt, ob die Regierung weitere Schulschließungen verfügen könnte. (pn, mami)

Tiroler Spitalsärzte warnen vor Kollaps

Der Appell der Spitalsärzte und des Pflegepersonals an den Tirol Kliniken könnte nicht eindringlicher sein: In einer Video-Botschaft von dreizehn Mitarbeitern der Landeskrankenhäuser Innsbruck, Hochzirl/Natters und Hall wird die Bevölkerung gebeten, sich an die Hygienevorschriften und Abstandsregeln zu halten, Social Distancing zu beherzigen und die Sozialkontakte drastisch zu verringern. Auch was die Maskenpflicht betrifft, wies Alexandra Ciresa-König, Oberärztin an der Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, darauf hin, dass sie selbst seit März den ganzen Tag über die Maske trage. "Zum Schutz unserer Patienten und der Mitarbeiter." Die hohe Zahl an täglichen Infektionen müsste unbedingt eingedämmt werden, damit die Behandlung von Erkrankten in den Spitälern noch bewältigbar bleibe.

📽️ Video | Ärzte-Appell an Bevölkerung

Gerade in Altenheimen gibt es aktuell viele Beschwerden, dass sich Besucher oft nicht an die Maskenpflicht halten würden. Obwohl es in der Corona-Pandemie besonders darum geht, die älteren Menschen zu schützen. 295 Corona-Fälle gibt es in den 95 Tiroler Alten- und Pflegeheimen.

In den Spitälern arbeiten Ärzte und Pfleger bereits am Anschlag. 352 Corona-Patienten müssen stationär behandelt werden, 52 auf den Intensivstationen. Alleine 78 Patienten werden an der Klinik versorgt, in den drei Landeskrankenhäusern 14 Abteilungen dafür bereitgestellt. Dazu Claudius Thomé, Chef der Neurochirurgie: "Auf unserer Intensivstation behandeln wir derzeit ausschließlich Corona-Patienten, normalerweise sind es Menschen nach Schlaganfällen oder mit Hirnblutungen." Es gehe um die medizinische Versorgungssicherheit der Bevölkerung, deshalb sei es so wichtig, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Ähnlich argumentieren Elke Pucks-Faes, Primarärztin für Neurologie in Hochzirl, oder ihr Kollege Primarius Martin Hackl im LKH Natters. Gina Oberthaler, leitende Diplompflegerin, drückt stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen in ganz Österreich eine große Sorge aus: "Wenn unsere Spitäler immer mehr mit Covid-Patienten belegt sind, wenn unsere Mitarbeiter immer noch mehr Patienten behandeln müssen und wenn für die steigende Zahl an Intensivpatienten nicht mehr genügend Personal zur Verfügung steht, dann wird die bestmögliche Behandlung, egal, ob für einen Unfall, für Covid oder für einen Herzinfarkt, bald nur eine Notversorgung sein können." (TT, pn)


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