Wiener Attentäter hatte 21 mögliche Mittäter

Ermittlergruppe „2. November“ erforscht die Hintergründe des Terroranschlags in der Wiener Innenstadt. Es geht auch um mögliche Komplizen des 20-Jährigen.

Ort des Gedenkens in der Wiener Innenstadt: Viele Leute trauern nach wie vor. Ein IS-Anhänger hat am 2. November vier Menschen erschossen.
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Von Karin Leitner und Serdar Sahin

Wien –„2. November“ – so nennt sich jene Truppe, die in Sachen Terroranschlag in Wien ermittelt. Am Allerseelentag hat ein 20-jähriger IS-Anhänger in der Bundeshauptstadt vier Menschen erschossen, 23 teils schwer verletzt. Am 11. November ist die „November“-Gruppe etabliert worden; Kriminalisten, Terrorismus- und Dschihadismus-Experten, Analytiker, Forensiker, Techniker gehören ihr an. Den Tatablauf, die Hintergründe sollen sie klären, mögliche Komplizen des Attentäters ausforschen.

„Von den 21 namentlich ausgeforschten Beschuldigten sind derzeit zehn in Untersuchungshaft.“ – Nina Bussek (Staatsanwaltschaft)
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Wie ist der Stand der Dinge? Mehr als 60 Zeugen seien vernommen worden, 20 Razzien habe es gegeben, 300 Hinweise seien „abgearbeitet“ worden, sagt Michael Lohnegger, der das Ermittlungsgremium führt. Einmal mehr heißt es: „Die Tat wurde von einer Person begangen. Das ist fix.“ Die Polizei geht aber von Mittätern aus – wenngleich nicht vor Ort. 21 „Beschuldigte“ seien namentlich bekannt, sagt Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien. Zehn von diesen seien seit dem vergangenen Wochenende in U-Haft, die Übrigen auf freiem Fuß, weil es keine hinreichenden Gründe gebe, sie zu inhaftieren. Welche „Tatbeiträge“, die Bussek erwähnt, es von den „Beschuldigten“ gibt, wird nicht kundgetan – aus „ermittlungstaktischen Gründen“.

Die meisten der 21 Leute sind laut Lohnegger Österreicher, andere sind Staatsbürger des Kosovo, von Nordmazedonien und Bang­ladesch. Nach wie vor offen ist, wie der Täter von seiner Wohnung im 22. Bezirk in die Innenstadt gekommen ist. Mit einem Auto, einem Taxi, zu Fuß? Nur eines stehe laut den Ermittlern schon fest: Mit Öffis – U-Bahn, Straßenbahnen, Bussen – sei er nicht dorthin gelangt, sagt Lohnegger. Welche Waffen hat der Mann benutzt? Ein Sturmgewehr, produziert in Serbien, eine halbautomatische Pistole und eine Machete. Munition hatte der 20-Jährige vergangenen Juli in der Slowakei kaufen wollen, das misslang. Jene, die er bei dem Anschlag verwendet hat, ist teils aus China.

Der Attentäter, in Österreich geboren, auch mit nordmazedonischer Staatsbürgerschaft, ist für die Behörden nicht aus dem Nichts gekommen. Am 25. April 2019 war er zu 22 Monaten Haft verurteilt worden – weil er versucht hatte, nach Syrien zu reisen, um sich dort der radikalislamischen Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. Er war wegen „terroristischer Vereinigung“ vorbestraft. Ende 2019 wurde er bedingt aus der Haft entlassen.

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„Die Tat vom 2. November in Wien ist definitiv von einer Person begangen worden. Das ist fix.“ – Michael Lohnegger (Ermittlungsleiter)
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Was seither schiefgelaufen ist, Versäumnisse und Fehler des – dem Innenministerium von ÖVP-Mann Karl Nehammer unterstellten – Verfassungsschutzes, soll nun eruiert werden. Dieser hat etwa Informationen über den späteren Täter der Justiz nicht übermittelt. Nehammer und Justizministerin Alma Zadić haben fünf Experten mit der Untersuchung beauftragt. Deren Bericht wird nicht gänzlich publiziert. „Wenn wir alles beleuchten wollen, auch im nachrichtendienstlichen und im polizeilichen Bereich, ist gewisse Verschwiegenheit von großer Bedeutung“, sagt Zadić. Veröffentlicht sollen nur „Schlussfolgerungen und Analysen“ werden.

Die NEOS drängen auf einen ungeschwärzten Befund für das Parlament. Der „Geheimdienstausschuss“ solle alle Unterlagen erhalten. Nicht nur die Pinken, auch die Roten bezweifeln die Unabhängigkeit der Kommission. Die Regierenden wollten „einen Persilschein für Nehammer im Eilverfahren“, urteilt die SPÖ. Die FPÖ droht mit einem parlamentarischen U-Ausschuss. Sollten die Koalitionäre den Weg für „echte“ Aufklärungsarbeit nicht freimachen, werde bei der kommenden Plenarsitzung der Ausschuss beantragt.


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