Kultur-Demo in Innsbruck: Eine Szene in Existenznot

Konkrete Forderungen, künftige Förderungen und versuchtes „Querdenken“: Tirols Kultur- und Veranstaltungsbranche demonstrierte gestern auf dem Innsbrucker Landhausplatz.

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Rund hundert Kunst- und Kulturarbeiter forderten gestern vor dem Innsbrucker Landhaus, dass auf ihre Bedürfnisse im Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht vergessen wird.
© Foto Rudy De Moor

Innsbruck – Ende Mai fanden Tiroler Kulturschaffende auf dem Innsbrucker Landhausplatz ein eindrückliches Zeichen für ihre durch die behördlich verordneten Versuche, das Coronavirus einzudämmen, existenzbedrohend gewordene Situation. 450 Akteurinnen und Akteure der heimischen Szene – vom Theaterintendanten über Veranstalter bis zu Freiberuflern – schwiegen sechs gespenstisch lange Minuten lang. Und machten damit spürbar, was auf dem Spiel steht, wenn den gesundheitlich notwendigen Maßnahmen keine Maßnahmen zum Erhalt von Arbeitsmöglichkeiten folgen.

Am Freitagnachmittag, gut zwei Wochen nach Inkrafttretens des neuerlichen Veranstaltungsverbots und in Erwartung weiterer Verschärfungen, wagten Vertreter der Szene erneut die Flucht nach vorne. Der Ort blieb derselbe. Doch diesmal gab es Gesprächsbedarf. Mesut Onay, Gemeinderat der Alternativen Liste und Organisator der Demonstration, hatte eine Kundgebung angekündigt. Rund hundert Vertreter der Szene kamen. Die Demo sei eine Auftaktveranstaltung, sagte Onay vorab. Weitere Aktionen sollen folgen.

„Ohne uns gibt es weder Pistenspektakel noch Politiker-Pressekonferenz, aber jetzt sieht man uns nicht.“ – Daniel Winkler (Veranstaltungstechniker)
© Foto Rudy De Moor

Es gehe dabei nicht um Kritik an den aktuellen Maßnahmen, um die Pandemie in den Griff zu kriegen, sondern darum, die Existenz derer zu sichern, die von den Maßnahmen besonders stark betroffen sind. „In einem der reichsten Länder der Welt darf niemand zurückgelassen werden“, sagte Onay.

Genau so fühle sie sich zur Zeit aber, erklärte Katharina Alber, die erste Rednerin des Nachmittags: „Zurückgelassen.“ Gerade die, die sich an alle Vorgaben gehalten hätten, die Sicherheitskonzepte erarbeitet und umgesetzt hätten, seien durch den zweiten Lockdown ein zweites Mal „ohne Rücksicht auf Verluste mit Berufsverbot belegt worden“, so die Pianistin und Event-Managerin.

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Veranstaltungstechniker Daniel Winkler umriss die Situation seiner Branche: „Ohne uns geht nichts. Ohne Ton, Licht und Technik gibt es weder Pistenspektakel noch Politiker-Pressekonferenz, aber jetzt sieht man uns plötzlich nicht mehr.“ Viele Betriebe seien seit Monaten „tot“. Und während notwendige Hilfen, etwa Zuschüsse für laufende Kosten, auf sich warten lassen, werde man zur Zahlung der Tourismusabgabe aufgefordert. Eine der Schwierigkeiten von Veranstaltungsunternehmen sei es, dass mitunter unklar sei, welchem Gewerbe die Branche zugeordnet ist. Deshalb haben sich zahlreiche Branchenvertreter zum Dachverband „ohne uns“ zusammengeschlossen. „Wir müssen als eigenes Gewerbe anerkannt werden, sonst gilt: Schau auf mich, schau auf dich – und keiner schaut auf uns“, so Winkler.

Die Politik kennt nur Künstler, die um Förderungen ansuchen. Also sollten so viele wie möglich ansuchen.
Marco Frei
, Tiroler Krawall Musik Verein

Mit dem Tiroler Krawall Musik Verein und dem Netzwerk der Live Musiker (Limu) wurden in den vergangenen Wochen gleich zwei Initiativen gegründet, die die Interessen jener heimischen Musiker vertreten, die seit Beginn der Corona-Krise kaum Auftrittsmöglichkeiten haben. Beide waren bei der gestrigen Kundgebung vertreten. Ihre Beiträge freilich hätten unschiedlicher kaum sein können. Limu-Obmann Peter Aschaber versuchte sich in dem, was man seit geraumer Zeit als „Querdenken“ ausgibt. Er wolle die Gefahr des Virus zwar nicht leugnen, sei aber von den veröffentlichten Zahlen verwirrt und habe im Fernsehen schon Experten gesehen, die anderes behaupten. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern regte sich hörbarer Unmut. „Diese wichtige Initiative sollte nicht ins Fahrwasser der Virus-Verharmloser geraten“, stellten mehrere Kundgebungsteilnehmer nach Aschabers Auftritt im Gespräch mit der TT fest. Forderung habe er nur eine: Er wolle möglichst bald wieder spielten.

Marco Frei, Sprecher der Tiroler Krawall Musik, distanzierte sich in seinem Statement von der Meinung seines Vorredners – und wartete mit konkreten Handreichungen für Kreative auf. Die Politik kenne nur Künstler, die Hallen ausverkaufen, und solche, deren Namen auf Förderansuchen stehen, so Frei. Daher sollten alle, die arbeiten wollen, kreativ werden und um Förderungen ansuchen. Die Arbeitsstipendien des Landes sollen künftig auf drei Monate verlängert werden. Das Bewerbungsverfahren dafür werde – auch auf Initiative des Krawall Musik Vereins – erleichtert, so Frei. (jole)


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