Eigene Ermittlergruppe zu Wien-Attentat

Eine eigene Wiener Ermittlungsgruppe „2. November“ ist mit den Erhebungen zum Anschlag in der Wiener Innenstadt eingerichtet worden, um die Hintergründe, den genauen Tatablauf und mögliche Komplizen des Attentäters in Erfahrung zu bringen bzw. ausforschen zu können. Die Polizei geht weiter davon aus, dass der Attentäter „keinen unmittelbaren Mittäter“ hatte, wie der Leiter der Ermittlungsgruppe, Michael Lohnegger, am Freitag in einer Pressekonferenz in Wien erklärte.

„Die Tat wurde definitiv von einer Person begangen. Das ist fix“, meinte Lohnegger. Als mögliche Mittäter konnten 21 namentlich bekannte Männer ausgeforscht werden, davon sitzen zehn seit vergangenem Wochenende in U-Haft. Die übrigen elf befinden sich auf freiem Fuß, weil es keine hinreichenden Haftgründe gibt, wie Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, bei der Pressekonferenz erläuterte. Inwieweit diese Beschuldigten im Vorfeld Tatbeiträge geleistet haben sollen bzw. von den mörderischen Plänen des Attentäters gewusst haben könnten, gab Bussek unter Verweis auf ermittlungstaktische Gründe nicht preis.

Ein 35-jähriger Tschetschene, der in Italien von den Anti-Terror-Behörden der lombardischen Stadt Varese wegen Dokumentenfälschung festgenommen worden ist, hatte laut der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Freitagsausgabe) Kontakte zu einer tschetschenischen Gruppe aus Ex-IS-Kämpfern, mit denen auch der Wien-Attentäter in Verbindung stand.

Seit sechs Monaten ermitteln die Staatsanwälte gegen den Tschetschenen. Die „The Caucasian Job“ genannte Untersuchung war eingeleitet worden, nachdem die österreichischen Geheimdienste berichtet hatten, dass der Tschetschene Mitglied einer fundamentalistischen tschetschenischen Gruppe war, die angeblich 2019 einen Anschlag in Wien über die Weihnachtsfeiertage plante.

Der in Varese lebende Tschetschene wird beschuldigt, Mitglied eines internationalen Rings zu sein, das online gefälschte Dokumente verkaufte. Er soll in den nächsten Tagen von einem Untersuchungsrichter einvernommen werden, der über die Verlängerung der Untersuchungshaft entscheiden muss. Die Ermittler seien mit den Wiener Kollegen in Kontakt, berichtete „Corriere della Sera“.

Laut den italienischen Ermittlern, lieferte der Tschetschene der in Österreich etablierten Gruppe aus nach Europa zurückgekehrten ehemaligen IS-Kämpfern nicht nur gefälschte Ausweise und Pässe, sondern auch Geld. Die Ermittler schließen einen Waffenhandel nicht aus.

Der Mann wurde in seiner Wohnung festgenommen, in der er seit einigen Monaten wohnte. Davor hatte er in der Nähe des Lago Maggiore gelebt. Er verließ die Wohnung nur selten. Er war bisher nicht polizeibekannt. Die italienischen Justizbehörden erkundigten sich bei den russischen Geheimdiensten, ob der 35-Jährige zu den Kämpfern im zweiten Tschetschenien-Krieg (1999-2009) zählte. In seiner Wohnung wurden gefälschte Ausweise verschiedener osteuropäischer Länder beschlagnahmt.

Kunden kontaktierten den Tschetschenen telefonisch oder per Internet. Nachdem die Bande das Foto des Kunden und Geld per Money Transfer erhalten hatte, wurden die gefälschten Ausweise geliefert. Der Preis dafür rangierte zwischen 300 und 1.500 Euro. Die Organisation warb in sozialen Medien für ihr Geschäft.

In der Wohnung des Tschetschenen wurden 30 gefälschte Ausweise, Führerscheine und Pässe sowie vier PCs und 14 Smartphones beschlagnahmt. Durchsucht wurden außerdem die Wohnungen von zwei legal in Italien lebenden ukrainischen Männern im Alter von 42 und 64 Jahren.


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