Lockdown in Schulen: „Das wird ein enormer Kraftakt“

Diesmal wird ein Lockdown für Schüler, Eltern und Lehrer schwieriger, obwohl alle besser darauf vorbereitet sind als im Frühjahr. Vor Ungleichheiten warnt Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien.

Für viele Familien war das Homeschooling im Frühjahr eine Herausforderung.
© iStock

Von Liane Pircher

Innsbruck, Wien – Wenn man die aktuellen Zahlen betrachte, sei die Situation bedrohlich und verschärfte Maßnahmen seien zu verstehen. Dennoch müsse man die Folgeschäden von einer kompletten Schließung der Schulen im Auge behalten. Das Wichtigste und Schwierigste zugleich sei es sicherzustellen, dass die Maßnahmen bei Schülern auch treffsicher genug sind.

Daran zweifelt Bildungspsychologin Christiane Spiel: „Die 14- bis 19-Jährigen sind ja bereits seit zwei Wochen im Lockdown, an den Infektionszahlen hat es bis dato aber nicht viel geändert. Gerade für Jugendliche sind soziale Kontakte von immenser Bedeutung für ihre Entwicklung, ob sie es die nächsten Wochen schaffen, sich privat nicht zu treffen, bleibt offen. Ein kontrollierter Schulbesuch mit gestaffeltem Unterricht wäre wahrscheinlich akzeptabler gewesen“, sagt Spiel.

Schwache Schüler wurden noch schwächer

Die Wissenschafterin hat mit ihrem Team bereits im ersten Lockdown untersucht, wie sich das Distance-Learning auf Schüler, Eltern und Lehrer auswirkt. Ein Ergebnis von vielen war, dass sich die Schere zwischen den Schülern noch mehr aufgetan hat. Jene, die zu Hause keine oder wenig elterliche Unterstützung hatten, wurden in Folge noch mehr abgehängt als ohnehin schon.

Kurz: Schwache Schüler wurden noch schwächer. Das oft elektronisch unterstützte Daheimlernen war nicht in allen Familien gleich zu bewältigen, leichter taten sich jene, deren Eltern selbst dementsprechend gebildet sind und mehr Ressourcen (Platz, Drucker, PC, WLAN) zur Verfügung haben. „Dort, wo es daheim keine Hilfe gibt, sollte die Schule einspringen. Sie muss ohnehin für diejenigen Kinder, deren Eltern Systemerhalter sind, offen sein. Aber im Unterschied zum ersten Lockdown sollen auch diejenigen Kinder in die Schule kommen können und dort beim Lernen unterstützt werden, die Probleme haben. Sonst verschärft sich die Ungleichheit, die schon vor Covid bestanden hat, noch mehr“, so Spiel.

Neuer Lockdown wird noch größerer Kraftakt

Ein erneuter kompletter Lockdown für alle 1,1 Millionen Schüler in Österreich werde diesmal ein größerer Kraftakt werden, obwohl viele Schulen diesmal besser vorbereitet seien. Die gute Nachricht ist, dass man aus dem Frühjahr gelernt habe und es mittlerweile eine einheitliche Plattform für das Online-Lernen gibt sowie mehr Materialien. Die schlechte Nachricht ist: „Wer schon im ersten Lockdown sein Lernen nicht organisieren konnte und keine Lern­erfolge hatte, für den wird es sehr schwierig werden, bereits verlorene Bildungsrückstände aufzuholen“, sagt Spiel. „Die Lehrer werden daher wieder sehr stark gefordert sein, sowohl beim Distance-Learning als auch bei der Unterstützung in der Schule“, so die Bildungspsychologin. Die Frustration unter vielen Schülern sei jetzt schon groß: „Wenn es kein Erfolgserlebnis beim Lernen gibt, dann besteht die Gefahr, dass die Kinder in einen negativen Kreislauf kommen und gar nicht mehr mit dem Lernen anfangen.“

„Fraglich, wie lange das gutgehen kann“

„Bei uns arbeiten wir als Elternteile beide in der Intensivpflege an der Klinik Innsbruck. Wir betreuen unsere beiden Schulkinder (VS, NMS) abwechselnd“, sagen Ulrike und Bertl Schett. Bereits in den letzten Wochen sei die Lage eine sehr angespannte gewesen, nicht zuletzt deshalb, weil beide Kinder plötzlich K1-Personen waren. Wenn jetzt ein Lockdown kommt, bleibe die Sorge, ob die Kinder in einer Notbetreuung in irgendeiner Form unterrichtet werden oder ob man die online gestellten Aufgaben zu Hause als Eltern mit den Kindern machen müsse: „Wie lange dann so eine Doppelbelastung im privaten und beruflichen Schichtwechsel – mit den Kindern zu Hause lernen und auf der Intensivstation unter extrem schwierigen Umständen arbeiten – gutgeht, ist mehr als fraglich“, sagt das Paar. (lipi)

Bertl Schett mit seinem Sohn Moritz im Homeoffice.
© Schett/Privat

Wenn im Zusammenhang mit drohenden Bildungsrückständen bereits an eine Verkürzung von Ferienzeiten gedacht wird, dann muss man gut überlegen, was möglich ist: „Die Kinder befinden sich mit der Pandemie bereits in einer langen Phase der Unsicherheit. Das ist anstrengend. Auch das Distance-Learning hat nichts mit Ferien zu tun. Kinder und Lehrpersonen werden Ferien brauchen, die kann man ihnen nicht einfach nehmen“, warnt Spiel. Eine Weiterführung bzw. inhaltliche Ausweitung der Summer School wäre sinnvoll.

Kritisch sieht den erneuten Lockdown die Koordinatorin der Elternbildung Tirol: „Der erste Lockdown war für viele Familien nicht nur schlimm, sondern teils traumatisierend“, sagt Flora Papanthimou. Für viele Eltern sei es eine immense Strapaze, die von Lehrern in Auftrag gegebenen Lerninhalte zu erarbeiten und gleichzeitig für den Arbeitgeber bereitzustehen: „Man kann nur hoffen, dass sich diese Erfahrungen nicht wiederholen.“

„Es ist für alle schwer zu ertragen“

„Das erste Home-Schooling war ein Wahnsinn. Plötzlich musste ich Lehrerin und Mama in einem spielen“, sagt Angela Pargger. Das Schwierigste war, ihre beiden Söhne – acht und fünf Jahre – gleichzeitig zu betreuen: „Während ich mit dem Achtjährigen Sachen für die Schule erledigen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als das Kindergarten-Kind vor dem Fernseher zu parken“, erzählt die Inzingerin. Das sorgte natürlich für emotionalen Stress auf allen Seiten: „Der Achtjährige fragte, warum er ständig mit mir lernen müsse, der Kleine vermisste gleichzeitig seine Freunde im Kindergarten.“ Ihr Glück sei in dem Fall, dass sie nicht gleichzeitig einer Erwerbsarbeit nachgehen müsse: „Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Für viele ist das alles eine schwer aushaltbare Zumutung.“ (lipi)

Angela Pargger beim Lernen mit ihren Söhnen.
© Privat/Pargger

Kommentieren


Schlagworte