Die Lage in den Tiroler Seniorenheimen ist beklemmend

Zwischen der Notwendigkeit, die Bewohner zu schützen, und dem Bemühen, doch noch Besuche von Angehörigen zu ermöglichen: Die Corona-Pandemie ist eine Zerreißprobe für die Tiroler Seniorenheime.

Das Warten, bis die Angehörigen wieder zu Besuch kommen dürfen, bestimmt den Heimalltag in Covid-Zeiten.
© iStock

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — Eigentlich hatten alle auf eine weniger strenge Besuchsregelung gehofft, stattdessen gibt es wegen der hohen Zahl an Erkrankungen weitere Beschränkungen in den Altenheimen. Dabei war die letzte von vielen unterschiedlichen Vorgaben erst Anfang November in Kraft getreten und sehr rigide, so dass Angehörige sich beklagten, ihr Familienmitglied im Heim nicht häufig genug sehen zu dürfen.

Eine von ihnen ist die Innsbruckerin Sonja. Ihrer 91 Jahre alten Mutter Anna gefiel es immer gut im Seniorenheim in Saggen in Innsbruck. Die ältere Dame im Rollstuhl fühlte sich wohl und freute sich immer auf die gemeinsamen Feste im Fasching, zu Ostern oder zu Weihnachten. Im Herbst stand Törggelen auf dem abwechslungsreichen Programm und im Advent die Nikolausfeier. An den Nachmittagen trank sie mit ihrem langjährigen, 94 Jahre alten Lebensgefährten Hans, der ihr nachgefolgt war, im Heimcafé ein Glas Sekt oder ging mit ihrer Tochter im Park spazieren. Dann kam mit der Corona-Pandemie eine radikale Änderung.

„Es ist herzzerreißend", schildert ihre Tochter die für sie „sehr beklemmende" Situation. Es begann damit, dass sie ihrer Mutter im Frühjahr sagen musste, nicht mehr zu Besuch kommen zu können. „Das ist mir so lächerlich vorgekommen. Und sie hat dann auch gemeint: ,Deswegen kommst du nicht mehr?'" Nach der kompletten Schließung kam die erste, leichte Entspannung und wurden im Heim Kojen für Treffen eingerichtet. „Da sind wir uns mit dem nötigen Abstand gegenübergesessen und ich musste sie anschreien, weil sie mich wegen ihrer Schwerhörigkeit überhaupt nicht verstehen konnte."

Die Mitarbeiter bemühen sich sehr, aber es ist sehr viel Traurigkeit entstanden seither.
Sonja (Tochter, Innsbruck)

Fehlende Nähe, fehlende Berührungen und die Gesichtsmaske trugen dazu bei, dass die Kommunikation immer weniger wurde. „Die Mitarbeiter im Heim bemühen sich sehr, aber es ist viel Traurigkeit entstanden seither. Zum Beispiel, wenn meine Mutter wieder einmal etliche Male gefragt hat, ,Was hast du gesagt, ich kann dich nicht verstehen', und dann begann, zu allem nur noch ,Ja' zu sagen und auch keine Fragen mehr stellt."

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Ab Dienstag nur noch ein Besucher pro Bewohner und Woche

Nachdem zuletzt galt, dass der Zutritt nur für zwei Besucher pro Bewohner erlaubt ist, und das auch nur einzeln jeden zweiten Tag, gilt ab Dienstag, dass nur noch ein Besucher pro Bewohner und pro Woche kommen darf. Angehörige müssen außerdem ein negatives Testergebnis vorweisen können.

Für Menschen wie Anna und ihre Tochter Sonja wird also alles noch schlimmer: „Es ist fürchterlich, mitansehen zu müssen, was diese Situation aus Leuten macht, die allein gelassen werden und sich ihre Zeit auch weder mit Fernsehen noch mit Lesen vertreiben können."

Als die ersten Corona­Fälle in dem Heim auftraten und auch der Lebensgefährte erkrankte und schließlich starb, wurde es noch trauriger. „Er hatte nur leichte Corona-Symptome, aber eine schwere Vorerkrankung. Es war die Isolation, die er nicht verkraftet hat. Wie in einem Gefängnis mussten die Pfleger ihm das Essen hinstellen und dann gleich wieder gehen. Er hat sich aufgegeben, meine Mutter konnte sich nicht einmal von ihm verabschieden." Ihr sollte sie die schlimme Nachricht telefonisch überbringen, konnte es ihr dann aber doch persönlich sagen. „Aber ich musste gleich wieder gehen und sie in ihrem Schmerz alleine lassen."

Die tapfere alte Frau spricht inzwischen selbst manchmal davon, hoffentlich bald sterben zu können. Immer wieder weint sie. Und dann ist da noch Weihnachten und ihre Frage: „Was machen wir heuer?" Die Familie mit den zwei Kindern im Teenager-Alter hat die 91-Jährige vor dem Lockdown immer wieder zu sich geholt. „Weihnachten hat für alle eine große Bedeutung, für sie aber ganz besonders. Jede Abwechslung ist wohltuend, das Wichtigste aber ist, dass das Heim offen bleibt, und ich sie weiterhin besuchen kann." Sollten weitere Fälle auftreten, dürften auch nicht wieder ganze Heime, sondern nur betroffene Stationen geschlossen werden, „alles andere wäre eine Katastrophe". „Lebensverlängerung heißt noch lange nicht Lebensqualität. Das ist dann ja nur mehr eine Qual."


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