Innsbrucker Friedensforscher: In Äthiopien eskalieren jahrzehntealte Konflikte

Der Krieg in der äthiopischen Region Tigray erschüttert die Region. Innsbrucker Friedensforscher berichten über ihre Eindrücke vor Ort.

Flüchtlinge aus Äthiopien stellen sich im benachbarten Sudan um Hilfe an.
© AFP

Aus Addis Abeba: Adham Hamed und Juliana Krohn

Addis Abeba –Als Team der Universität Innsbruck sind wir im Kontext eines Projektes der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit in Äthiopien. Dort arbeiten wir gemeinsam mit äthiopischen Forschern seit drei Jahren am Aufbau von Kapazitäten im Bereich der Friedensforschung. In der Hauptstadt Addis Abeba erreicht uns Anfang November die Nachricht, dass im Norden des Landes Kämpfe zwischen den bewaffneten Einheiten der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und der nationalen äthiopischen Armee ausgebrochen sind.

Die Auseinandersetzungen kamen über Nacht, nicht jedoch die politischen Spannungen. Diese haben nach der – offiziell Corona-bedingten – Verschiebung der nationalen Wahlen, bei denen sich Premierminister Abiy Ahmed nach seiner Bestellung 2018 erstmals einem Referendum unterziehen hätte sollen, zugenommen. Die TPLF, die nach Jahren an der Macht seit dem Amtsantritt Abiy Ahmeds zunehmend an Einfluss verliert, ließ im September in der Tigray-Region dennoch wählen. Darauf folgten erst wirtschaftliche Sanktionen, nun die militärische Eskalation, nachdem die Zentralregierung den Truppen der TPLF vorwarf, einen ihrer Militärstützpunkte in Tigray angegriffen zu haben. Damit ist laut Premier Ahmed eine „rote Linie“ überschritten worden.

Es ist schwierig, sich über die Ereignisse ein umfassendes Lagebild zu machen. Die Region Tigray, die mehrheitlich von der gleichnamigen Bevölkerungsgruppe bewohnt wird, ist weitgehend abgeriegelt, Journalisten wird der Zutritt verwehrt. Strom, Internet und Telefonverbindungen sind unterbrochen. Nur vereinzelt sickern Nachrichten und erste Augenzeugenberichte von Geflüchteten durch: Menschen werden wegen ihrer ethnopolitischen Zugehörigkeit kontrolliert und verhaftet, in dem Ort Mai Kadra kam es zu einem Massaker. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden dabei „Dutzende Menschen, wenn nicht sogar Hunderte“, getötet. Gleichzeitig fliegen die äthiopischen Streitkräfte verstärkt Luftangriffe auf Stellungen der TPLF, die Zahl der zivilen Opfer steigt täglich.

Innerhalb weniger Tage sind laut UNHCR bereits mehr als 30.000 Menschen in den benachbarten Sudan geflohen. Erwartet wird, dass die Zahl in den kommenden Wochen auf 200.000 steigt. Inzwischen haben sich die Kämpfe auch auf die südlich von Tigray gelegene Region Amhara ausgeweitet. Alte Grenzkonflikte brechen erneut auf, die Gemengelage wird komplexer, die Angst vor breiter ethnopolitischer Gewalt zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Äthiopiens wird immer größer.

Hinzu kommt die Gefahr einer Internationalisierung des Konfliktes – mit nicht absehbaren Folgen für das gesamte Horn von Afrika. Vor einer Woche wurde der Flughafen der eritreischen Hauptstadt Asmara mit Raketen beschossen, die TPLF bekannte sich zu dem Angriff. Während die Zentralregierung in Addis Abeba nach der Amtseinführung Ahmeds und einem weit beachteten Friedensvertrag mit Eritrea 2018 wieder offizielle Beziehungen aufgenommen hatte, hielten die Animositäten zwischen den alten äthiopischen Machthabern der TPLF und dem autokratischen Regime von Isayas Afwerki an.

Einige Tage später nehmen wir an einer Konferenz zur Gründung eines Instituts für Friedens- und Konfliktforschung an einer Universität in der Region Oromia teil. Am selben Tag spenden dort Mitarbeiter Blut für ihre „Helden an der Front“. Ein Kollege spricht besorgt über die Gefahr, die Komplexität des Konfliktes auf die Erzählung einer einzelnen Geschichte zu reduzieren. Auch in Oromia wurden wenige Tage zuvor mindestens 54 Menschen getötet – vermutlich wegen ihrer ethnopolitischen Zugehörigkeit.

Wir sprechen darüber, wie Hochschulen der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken könnten. Zwar flammen auch dort ethnopolitische Spannungen immer wieder auf, gleichzeitig sind die Universitäten aufgrund ihrer heterogenen Studierendenschaft Orte der Begegnung. Während internationale Vermittlungsversuche bislang wenig erfolgreich zu sein scheinen, liegt hier vielleicht eine Chance, zwischen den politischen Positionen zu vermitteln.

Adham Hamed und Juliana Krohn sind Friedens- und KonfliktforscherInnen an der Universität Innsbruck.


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