Lockdown könnte Belastungsprobe für die Seele werden

Der zweite Lockdown könnte erhebliche Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Bevölkerung haben. Davor warnt der Tiroler Landesverband der Psychotherapeuten.

Mental belastete Menschen sollen sich Hilfe holen, appellieren Tirols Psychotherapeuten.
© Getty Images/iStockphoto

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Depressionen, Angstzustände oder Schlafstörungen sind Leiden, die sich mit Beginn der Corona-Krise in weiten Teilen der Bevölkerung ausgebreitet haben. Und mit Andauern des Ausnahmezustandes seien „die Herausforderungen nicht weniger geworden“, sagt Barbara Haid, erste Vorsitzende des Tiroler Landesverbandes für Psychotherapie. Besonders der heute in Kraft getretene zweite Lockdown belaste die Menschen sehr. Haids Appell in dieser angespannten Situation: „Niemand sollte davor zurückscheuen, sich Hilfe zu suchen.“

Bereits im April diesen Jahres habe die Häufigkeit von depressiven oder Angst-Symptomen in Österreich dramatisch zugenommen, zitiert Haid gestern bei einer Pressekonferenz in Innsbruck eine Studie der Donau-Universität in Krems. Demnach habe sich die psychische Belastung in dieser Zeit um das Fünffache im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten erhöht. Entgegen dem Frühjahr gebe es jetzt aber weniger gesellschaftlichen Zusammenhalt, weshalb die psychische Belastung steige. „Die Menschen sind verängstigt, gereizt und genervt zugleich“, sagt Haid. „Zwar gibt es immer noch die unbekannte Bedrohung durch das Virus, aber auch viele Zahlen, Daten und Fakten, die schwierig einzuordnen sind. Die Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft hat zugenommen, das Vertrauen in die Entscheidungsträger geht zurück.“

Positives Denken als Schlüssel

Für Ines Gstrein, zweite Vorsitzende des Psychotherapeuten-Landesverbandes, ist positives Denken eine Möglichkeit, um die durch den zweiten Lockdown entstehenden Herausforderungen psychisch gut zu überstehen. „Jede Krise hat ein Ende, sonst wäre sie ja ein Dauerzustand“, meint Gstrein. Reichen solche oder ähnliche Strategien nicht aus, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Zum einen gebe es diverse psychotherapeutische Telefonangebote – etwa die Sorgenhotline des Landes Tirol, die unter der Nummer 0800/400120 zu erreichen ist.

Tipps für den zweiten Lockdown

Wieder Einschränkungen, wieder neue Regeln, weiter verzichten, die Zukunft ungewiss: Der zweite Lockdown macht vielen Menschen Angst. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) hat deshalb auf seiner Webseite Tipps gesammelt, die helfen sollen, mit den aktuellen Herausforderungen besser umgehen zu können. In den grafisch übersichtlich aufbereiteten Informationsblättern werden etwa Methoden zur Angst- und Konfliktbewältigung gezeigt. Das Material ist in mehreren Sprachen verfügbar und kann auf der Web­seite des BÖP unter www.boep.­or.at kostenlos abgerufen werden. (TT)

Ebenso sollte es laut Gstrein aber „selbstverständlich“ werden, sich bei psychische Problemen von einem Experten behandeln zu lassen – so wie dies bei körperlichen Gebrechen seit jeher der Fall sei. Der für kommenden Freitag erstmals angesetzte „Tag der Psychotherapie“, welcher mit Filmvorführungen und Online-Diskussionen begangen wird, solle hier „enttabuisieren“, sagt Gstrein.

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In Tirol gibt es derzeit mit rund 850 praktizierenden Psychotherapeuten „genug Leistungsreserven, um den Bedarf abzudecken“, sagt Barbara Haid. Es herrsche allerdings ein Mangel an Kassenplätzen – 4000 stehen im Land zur Verfügung, Anfang des kommenden Jahres sollen 2000 weitere hinzukommen. Ob das reicht, ist ungewiss. Haid: „Die Wartezeiten für so eine Leistung beträgt momentan zwei Monate. Wir fordern die Abschaffung der Kontingente.“


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