Für betreute Schüler in Tirol wurde der Bio-Saal zum Call-Center

Deutlich mehr Schüler als beim ersten Lockdown fanden sich gestern in den Klassen zur Betreuung ein. Der Start war eine Herausforderung.

Lehrer Martin Zwicknagl kümmerte sich um die Anliegen der Schüler.
© Hrdina

Wörgl, Lienz, Reutte, Land­eck – Die Tür öffnet sich, nur ein Schüler hopst heraus. An normalen Vormittagen kurz vor 8 Uhr würde der Bus an der Haltestelle vor dem Bundesschulzentrum in Wörgl Dutzende Kinder ausspucken. Nicht im Lockdown. 15 Schüler des BRG nahmen gestern das Betreuungsangebot der Bildungseinrichtung wahr. Die restlichen knapp 700 Schüler verfolgten den Unterricht via Stream von zu Hause aus. Erwartungsgemäß, so sagt Direktor Johann Fellner, sind es Kinder aus der ersten und zweiten Klasse, die erschienen sind. „Die Älteren kann man schon alleine lassen.“

Die beiden Biologiesäle im ersten Stock erinnern an ein Call-Center. In jeder Reihe sitzt ein Kind alleine, ausgestattet mit Laptop, Kopfhörern samt kleinem Mikrophon, einige brabbeln in selbiges, andere kritzeln still auf ein Stück Papier. Für eine Gruppe Zweitklässler steht Mathe am Stundenplan. „Ich tu’ mir schon schwerer, mit dem Lernen über den Computer“, sagt eine 12-Jährige, „aber ich lerne auch neue technische Dinge.“ Das gilt auch für die Betreuer vor Ort. Zuerst zickt die Internetverbindung, dann lahmt der Server der Lernplattform. Die Schüler sind genervt, Lehrer Martin Zwicknagl tigert maskiert von einem Hilfesuchenden zum nächsten. Nach einigen Minuten klappt es wieder. Jubel bei den Kindern, sie sehen ihre Kameraden wieder im Livestream. „Wo wir selber als Schule die Möglichkeit haben, werden wir in den nächsten Tagen noch nachjustieren“, erklärt Fellner. In Wörgl hat man etwa einen eigenen Server für die Lernplattform.

Für die Schüler (im Bild das BRG Wörgl) gab es zum Start einige technische Probleme, aber insgesamt viel zu tun.
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„Auf Dauer ist das so unmöglich“, sagt Zwicknagl. Der Mathe-, Physik- und Informatiklehrer lobt die Motivation der Schüler, zeigt aber auch Grenzen des digitalen Unterrichts auf. Zwischenmenschliches kommt am Bildschirm zu kurz. Dort seien die Kinder gehemmter, nachzufragen. „Vor Ort sehe ich schon an den Gesichtern, ob ein Kind das Erklärte verstanden hat oder nicht, und kann reagieren“, schildert Zwicknagl. Für ein paar Wochen könne man den Stoff an die Bedingungen anpassen. „Kinder haben 100 Monate Unterricht in ihrem Leben. Wenn da zwei Monate nicht perfekt laufen, ist das kein Weltuntergang. Doch diese Phase muss so kurz wie möglich sein.“

Die Disziplin im Home-Schooling ist vorhanden: Fellner konnte auf seinem Bildschirm alle 23 Schüler der vierten Klasse zum Matheunterricht begrüßen, „sogar jene in Quarantäne nehmen am Unterricht teil“, zaubern die Schüler dem Mathe unterrichtenden Direktor trotz technischer Startprobleme ein Lächeln ins Gesicht.

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In Reutte teilte Direktor Gerfried Breuss (r. u.) die Schüler auf vier Gruppen auf.
© Mittermayr

Ortswechsel. An der Volksschule Landeck-Angedair trafen Dienstagfrüh rund 40 Kinder (25 Prozent der gesamten Schüler) zum Betreuungsunterricht ein. „Mehr, als wir erwartet haben“, schildert Direktorin Daniela Lehmann. Am ersten Tag habe alles gut geklappt. Der Aufwand an Kommunikation mit den Eltern sei mitunter groß gewesen. Ein ähnliches Bild in Lienz. Dreimal mehr Kinder kamen in der Volksschule Lienz­ Nord zur Betreuung als noch im ersten Lockdown, erklärt Schulleiterin Maria Bürgler. Sie hätte sich eine frühere Information durch die Politik bzw. das Ministerium gewünscht und geht davon aus, dass die Zahl der Schüler „sicher noch deutlich“ steigen werde. Im Lehrerteam würden „alle helfen, wo sie können“.

Deutlich mehr Schüler stellte man gestern auch in der Volksschule Land­eck fest.
© Lehmann

In der Neuen Mittelschule Reutte Untermarkt hat sich die Zahl der betreuten Kinder im Vergleich zum ersten Lockdown sogar vervierfacht. Direktor Gerfried Breuss verteilte 20 Schüler in vier Gruppen auf die Lehrer. Eltern und Erziehungsberechtigte können für jeden Tag entscheiden, ob sie die 10- bis 14-Jährigen zu Hause lassen oder der Obhut der Schule überantworten. Breuss legte in einer Mitteilung an das Kollegium Wert darauf, dass mit den Schülern in erster Linie Hauptfächerstoff vertieft wird. (jazz, hwe, bcp, hm)


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