Auch in der Nazizeit wurde versichert – aber regimetreu

Tiroler Versicherung hat einen blinden Fleck in ihrer Vergangenheit auf-gearbeitet. Und damit einen Teil der Wirtschaftsgeschichte in der NS-Zeit.

Bliem (l.) hat für die Tiroler Versicherung ein dunkles Kapitel aufgearbeitet. Für Vorstand Franz Mair werden trotzdem noch Fragen offenbleiben.
© TIROLER VERSICHERUNG

Innsbruck – „Eine dunkle Zeit, der Direktor inhaftiert, ein Nazi übernahm die Leitung.“ Diesen Satz in diversen Festschriften wollte der Vorstand der Tiroler Versicherung Franz Mair nicht mehr lesen. Die Geschichte seines Unternehmens während der NS-Zeit zwischen 1938 und 1945, damals hieß sie noch Tiroler Landes-Brandschaden-Versicherungsanstalt, war bis heuer ein blinder Fleck.

Doch die Vergangenheit lagerte in 34 Archivkisten im Keller. Der Historiker Nikolaus Bliem hat sie gesichtet, verdichtet und gewichtet. Daraus ist dann seine Diplomarbeit entstanden, jetzt liegt die aufgearbeitete Geschichte der Tiroler Versicherung auch in Buchform vor. In der NS-Zeit hielt sie in ihrem Geschäftsbereich einen Marktanteil von 60 bis 80 Prozent im ländlichen Raum. Dirk Rupnow, Professor für Zeitgeschichte an der Uni Innsbruck, hat die Aufarbeitung wissenschaftlich begleitet.

In der NS-Zeit ging das Versicherungsgeschäft der Tiroler weiter.
© Tiroler versicherung

Nüchtern und unaufgeregt erfolgte am Mittwoch die Präsentation der Forschungsarbeit, die sich in die Aufarbeitung der Geschichte der Schützen und der Volkskultur einreiht.

Die Tiroler Versicherung wurde wie viele andere Betriebe oder die öffentliche Verwaltung mit dem Anschluss Österreichs im März 1938 in ein regimetreues Unternehmen umgewandelt. Mit Leuten vor Ort, etwa mit den alten Kämpfern, die schon vor 1938 für die Nazis aktiv waren. Nach dem Anschluss wurden sie dafür belohnt, wie der Innsbrucker Rechtsanwalt Ekkehard Pesendorfer. Der damalige kurzzeitige Landeshauptmann bzw. Gauleiter Edmund Christoph setzte ihn als neuen Direktor ein. Pesendorfer bezeichnete sich selbst als Betriebsführer, daraus leitet sich auch Bliems Buchtitel „Betriebsführer und Gefolgschaft“ ab.

Schon allein deshalb lässt sich die nach dem Zweiten Weltkrieg generell tradierte Opferrolle Österreichs nicht aufrechterhalten. Vorstand Franz Mair sieht daher auch für die Tiroler Versicherung, dass es „Täter und Opfer“ gegeben hat. Die alten Direktoren wurden entfernt und verhaftet, weil den neuen Chefs aber das Know-how fehlte, konnten sie unter strengster Beobachtung zum Teil weiterarbeiten, wie Albert Breit, der nach dem Krieg 1949 auch Direktor wurde. Vom Versicherungswesen hatte Pesendorfer nämlich keine Ahnung, ihm wurde bspw. auch die Führung der Landes-Hypo angeboten. Doch das wollte er nicht.

Welche Rolle spielte nun die Tiroler Versicherung als Unternehmen im Alltag, welchen Einfluss haben die Nazis genommen und wie ging es innerhalb der Versicherung weiter? Für Bliem eröffnete sich mit dem Aktenmaterial die Chance, vom Überbau der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte in der NS-Zeit in die konkrete „einzutauchen“. Im Gegensatz zu den Industriekonzernen, wo die Zwangsarbeiter eine zentrale Rolle spielten, ist das Dienstleistungsgewerbe noch kaum erforscht. „Die Tiroler Versicherung wurde als Betriebsgemeinschaft geführt, obwohl sie im Interesse des Gaues gearbeitet hat, konnte sie eigene Handlungsspielräume erhalten“, sagt Nikolaus Bliem.

Das Versicherungsgeschäft lief weiter, laut Bliem erzielte die Versicherung durch ihre Nähe zur Gauverwaltung auch bedeutende Vorteile in der Schaffung von Handlungsmöglichkeiten. Doch die internen Abläufe waren zugleich von Drohungen geprägt, wer nicht spurte, dem wurde sofort mit Lager gedroht.

Rupnow bezeichnet das Beispiel der Tiroler Versicherung als wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der regionalen Wirtschaftsgeschichte während der NS-Zeit. Obwohl vieles zentral gesteuert worden sei, habe es Handlungsspielräume gegeben. „In Tirol gibt es derzeit einige Projekte, das Land befindet sich in der zweiten Aufarbeitungswelle.“ (pn)


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