Astrid Hynek: Weit gereist, um sich zu finden

Astrid Hynek war in Afrika Geisel von Terroristen und Zeugin eines Militärputschs. Trotzdem verliebte sie sich in den Kontinent und gründete Projekte, um Arbeitern in Uranminen zu helfen.

2004 wurden Astrid Hynek und ihr Reiseguide Ahayous in Afrika als Geiseln genommen. Die Gefahr legte sich, die Freundschaft blieb erhalten. Er besuchte die Autorin sogar in Tirol.
© Hynek

Von Judith Sam

Innsbruck – Beobachtet man Menschen, die durch Innsbrucks Innenstadt hasten, fällt auf, dass sie kaum auf andere achten, teilweise gar den Augenkontakt zu Fremden meiden. Nur eine sticht aus der Masse heraus: Astrid Hynek spricht Unbekannte an und fragt, wie es ihnen geht. Ein herzliches, wenn anfangs auch irritierendes Verhalten, das sich die Autorin in Afrika angeeignet hat: „Hierzulande sind manche regelrecht erschrocken, wenn sie aus ihrem Trott gerissen werden. In Afrika hingegen ist es normal, sich nach dem Befinden Fremder zu erkundigen.“

Schwer zu glauben, dass die 68-Jährige bis vor wenigen Jahren sehr introvertiert war: „Meine Mutter war psychisch krank, mein Vater kaum zuhause. Wegen der Kälte in unserer Familie war ich ein einsames Kind und später eine schüchterne Erwachsene.“ Ihre Reisen änderten dies – denn je weiter Hynek kam, desto näher fand sie zu sich. „Im Jahr 2004 habe ich meine Sehnsucht, die Sahara zu erforschen, die mich bereits in der Kindheit fasziniert hat, endlich erfüllt“, plaudert die gebürtige Innsbruckerin in schwärmerischem Tonfall.

Dabei war der erste Afrikatrip der medizinisch-technischen Assistentin einer der erschreckendsten. Unterwegs zu den Dünen des Savannenstaates Niger stoppte Hyneks Reisegruppe in einer Oase. Statt der üblichen Nomaden empfingen sie dort salafistische Terroristen. 50 Kerle richteten Maschinengewehre auf sie, beschlagnahmten Satellitentelefone, Pässe, Autos und forderten 40.000 Euro Lösegeld. Pro Person. Andernfalls würden die beiden Reiseguides erschossen: „Doch wir hatten Glück, denn die Terroristen zogen kurz darauf unverrichteter Dinge weiter, weil sie auf der Flucht waren.“

Astrid Hynek.
© Hynek

Zurück in der Stadt Agadez bekam Hynek ein Satellitentelefon in die Hände, rief ihren Mann zuhause in Tirol an und erzählte von der Geiselnahme: „Er meinte: ,Hab’ ich schon gehört. Das kam in den Nachrichten.‘“

Hyneks Mann musste in den kommenden Jahren noch mehr derartige Telefonate annehmen, denn die Braunauerin wurde später Zeugin eines Militärputschs und besuchte Orte, die wegen Uranabbaus strahlenbelastet sind.

All diese Erfahrungen schrieb Hynek im kürzlich erschienenen Buch „Strahlendes Afrika“ (Innsalz Verlag) nieder: „Die Worte flossen gerade so aus mir heraus. 2006 war ich etwa in der Bergbaustadt Arlit in Niger. Eine Katastrophe. Tausende Tonnen Uran-Abbauschutt lagern dort ungesichert. Das Blech, aus dem die Menschen ihre Hütten errichteten, deren Kochtöpfe, die Lebensmittel – alles ist verstrahlt.“

Um dies zu ändern, rief Hynek eines der knapp 20 karitativen Projekte ins Leben, die sie teilweise noch heute betreut: „Die Leute ahnten nicht, wie gefährlich Uran ist. Nun gibt es Schutzkleidung für die Minenarbeiter und eine Gesundheitsplattform.“

Außerdem sammelte Hynek Spenden, um Brunnen sowie eine Schneiderwerkstatt für 20 Frauen zu errichten und eine Schule auszubauen: „In dieser Art Internat wurden nur Buben unterrichtet, weil die Eltern Angst hatten, Mädchen dorthin zu schicken. Nun wird das Gebäude von einem Wächter bewacht und bietet auch genug Sicherheit für junge Frauen.“

Die Afrikaexpertin befürwortet das Konzept der Regierung, den Menschen vor Ort zu helfen: „Doch Sebastian Kurz verspricht viel und hält wenig. Wir hatten etwa die Idee, Schleppern eine ,Jobalternative‘ zu bieten, indem sie ein Handwerk lernen. Österreichs Ministerien zeigten jedoch kein Interesse, das zu finanzieren.“ Um trotzdem Projekte zu realisieren, gründete Hynek den Verein „FreundeInnen von Aouderas“ (aouderas.com).

Trotz der Afrika-Erfahrungen, die andere wohl traumatisiert hätten, wird Hynek, sobald Corona es zulässt, wieder die Reise in den Süden antreten. Diesmal, um einen Kindergarten mit Solarpaneelen auszustatten. Niger meidet sie allerdings: „Das Land wird immer gefährlicher. Bei einer meiner letzten Reisen brauchten wir eine Militäreskorte mit 20 Mann.“


Kommentieren


Schlagworte