Familiendrama „Uncle Frank“: Beth und ihr Lieblingsonkel

Das Drama „Uncle Frank“ entführt ins South Carolina der 70er. Ab Mittwoch auf Amazon.

Beth (Sophia Lillis) und Onkel Frank (Paul Bettany) müssen für das Begräbnis des konservativen Familienoberhaupts zurück in die Provinz. Übermorgen läuft „Uncle Frank“ auf Amazon Prime Video an.
© Imago/Amazon Studios

Innsbruck – Die Rückkehr in die Provinz ist im US-Kino gerade wieder populär. Mit „Uncle Frank“ bringt diese Woche der Gemischtwaren-Lockdown-Profiteur Amazon seine Reise ins „Trump Country“ bei Prime Video heraus. Anders als bei „Hillbilly Elegy“ von Konkurrent Netflix handelt es sich dabei um keine Milieustudie der jüngsten, politisch akuten Vergangenheit. Denn Autor und Regisseur Alan Ball siedelt sein Familiendrama in den USA von 1973 an.

Die Story beginnt im erz-konservativen South Carolina. Großfamilie Bledsoe rund um Patriarch „Daddy Mac“ spricht mit deftigem Südstaaten-Akzent und hält auch sonst die „Traditionen“ hoch. Doch Beth, gerade 18 geworden, zieht es nach New York. Dort ist Frank, ihr Lieblingsonkel und Mentor, Literaturprofessor. Als sie eines Tages vor seiner Tür im Greenwich Village steht, öffnet ihr der freundliche Wally. Er ist Franks Lebenspartner. Nach kurzer Irritation und herzlichem Kennenlernen ereilt den New Yorker Ableger der Bledsoe-Familie das Drehbuch-Schicksal: Franks Vater, Beths Großvater, ist gestorben. Das Begräbnis ruft das Trio zurück nach Creekville, Carolina. Bei einem kurzen Road-Movie-Einschub entpuppt sich der arabisch-stämmige Wally (Peter Macdissi, der Partner des Regisseurs) als etwas zu auffälliger „Comic Relief“-Charakter, der dem ernsten Familiendrama ein wenig Leichtigkeit verschaffen soll. Beth (Sophia Lillis) ist die überzeugend gespielte Erzählerfigur.

📽️ Video | Trailer zu „Uncle Frank“

In der sympathischen Hauptrolle brilliert Paul Bettany, im Marvel-Mainstream-Kino als „Vision“-Träger des Mind Stones. Im Erwachsenenfilm „Uncle Frank“ sucht er dagegen eine emotionale Katharsis im Endkampf mit seinem christlichen Vater, dessen Tod die allzu erwartbaren alten Wunden des nicht geouteten Frank aufreißt. Kurze Flashbacks erklären den leicht übertrieben gestalteten Ursprung des Traumas.

Der 63-jährige Alan Ball, Drehbuch-Oscar-Preisträger für seine bitterböse Dekonstruktion des amerikanischen Vorstadt-Traums in „American Beauty“, entfernt sich für seinen autobiografisch inspirierten zweiten Regiefilm von der Gegenwart. Das gibt „Uncle Frank“ sowohl warme Nostalgie-Bilder als auch die dramatische Härte einer Ära vor der Entkriminalisierung von Homosexualität (in Österreich 1971, in New York 1977 und in South Carolina überhaupt erst 2003).

„Uncle Frank“ feierte seine Premiere beim diesjährigen Sundance Festival. Regisseur Alan Ball gelingt in seinem polierten Südstaaten-Melodrama ein zuweilen nicht sehr subtiler, aber großartig besetzter Ausflug in die Vergangenheit. (maw)


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