Pseudosakraler Patscherkofel: Was ist Wissenschaft, was ist Fake?

Kunst in Buchform: Nicole Weniger und Karin Ferrari überprüfen, was ist Wissenschaft, was Fake?

Futuristische Heumandln auf der Seegrube: Mit „Vulcania“ schreibt Nicole Weniger den Mythos, der Patscherkofel sei ein Vulkan, weiter.
© Weniger

Innsbruck – Es ranken etliche Mythen um den Innsbrucker Hausberg. Nicht nur der Glungezer Riese soll am Patscherkofel sein Unwesen treiben. Dank Nicole Weniger schleichen wieder Figuren, futuristische Heumandln durch die Berge, hinunter bis ins Tal. Im Rahmen des Projekts „Vulcania“ ist die Tiroler Künstlerin einem weiteren Patscherkofel-Mythos auf der Spur: Ist der Berg ein erloschener Vulkan, in dem seltsame Wesen leben?

Bereits seit einigen Jahren spürt die Künstlerin der Legende in Formaten wie Performances und Interventionen nach, ihre schwarz glitzernden Wesen bevölkerten 2018 u. a. das Ferdinandeum. Wenigers vor Kurzem im Eigenverlag erschienenes Buch „Vulcania“ ergänzt dazu zusätzlich Fotografien, Collagen, Kupferstiche und Texte, die das Projekt zu einer Art wissenschaftlichen Untersuchung auswachsen lassen. Mit der Schaffung einer völlig neuen Spezies, deren Aufschlagen am Lanser See oder in der Innsbrucker Innenstadt fotografisch dokumentiert wurden, stellt die Künstlerin grundsätzliche Fragen zu Identität, dem Verhältnis von Mensch und Natur und dem Konzept Heimat. Und mit ihrem neuen Buch untersucht sie mit gut klingenden ironischen Untertönen gleichzeitig, was ist Wissenschaft, was Fake?

Der Entstehung von Verschwörungstheorien und der (digitalen) Konstruktion von Wirklichkeit ist auch die Südtirolerin Karin Ferrari in ihrer „decoding the whole truth“-Serie auf der Spur. Erst 2019 zeigte sie in der Einzelshow „Trash Mysticism“ im Ferdinandeum zwei ihrer Videos. In theorieüberladenen Untersuchungen legt sie in popkulturellen Phänomenen wie Musikvideos vermeintlich okkulte Botschaften offen. In ihrem neuesten Künstlerbuch „Rooftop Temples“ (Verlag für moderne Kunst) geht sie in ähnlicher Manier vor, vom Video wechselt sie zum Fotoessay. In dramatischem Schwarz-Weiß (manchmal kippt Ferrari gar ins Negativ) inszeniert sie einen Rundgang durch Manhattan. Untersucht die laut Ferrari „pseudosakrale Architektur“, die sich auf den Hochhäusern der Stadt befindet. Was geht dort vor? Wieso bedient sich diese Machtarchitektur gerade der Vorlage antiker Stufentempel, Pyramiden oder gotischer Kathedralen?

Realisiert hat Ferrari ihre Recherche Anfang 2020 in New York, unterbrochen von Corona. Abgeschlossen ist ihre Untersuchung mit dem Buch also noch nicht. Und auch Nicole Weniger lässt sich von ihrem Mythos weitertreiben: Am 30. November erscheint das Art-Pop-Hörbuch „Vulcania“ ihrer gleichnamigen Band. (bunt)


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