Corona-Massentests in Österreich starten am 5./6. Dezember

Österreich öffnet im Kampf gegen die Pandemie ein neues Kapitel: In zwei Wochen beginnen erste Corona-Massentestungen. Am Wochenende vom 5./6. Dezember und somit zum geplanten Ende des harten Lockdowns können sich alle 200.000 Lehrer und Kindergartenbetreuer in Österreich testen lassen. Am Montag und Dienstag folgen dann 40.000 Polizisten. Kurz vor Weihnachten ist eine Testreihe für die gesamte Bevölkerung geplant. Die Teilnahme an all diesen Tests ist freiwillig.

Die Regierung geht aber von einer großen Beteiligung aus und hat bereits sieben Millionen Antigen-Tests für 50 Millionen Euro bestellt, weitere Bestellungen sind in Planung. Zur Anwendung kommen Produkte der Firmen Roche (vier Millionen Tests) und Siemens (drei Millionen Tests). Die zentrale Abwicklung und Steuerung der Massentests liegt beim Bundesheer und dem Gesundheitsministerium. Das Verteidigungsressort befinde sich bereits intensiv in den Vorarbeiten zur logistischen und organisatorischen Abwicklung der Tests, hieß es in einem Medienpapier der Regierung am Freitag.

Insgesamt wird das Bundesheer mit mehreren tausend Soldaten die Abwicklung unterstützen. Daneben werden auch noch die Gesundheitsbehörden, Blaulichtorganisationen, Feuerwehren sowie freiwillige Helfer im Einsatz sein.

Die Probenentnahmen werden ausschließlich von geschultem Gesundheitspersonal durchgeführt. Dazu werden die Gesundheitsbehörden gemeinsam mit dem Bundesheer und den Rettungsorganisationen entsprechende Mitarbeiter bereitstellen und zusätzliches Personal schulen. Das Ergebnis eines Antigen-Tests liegt nach rund 15 Minuten vor. Wo diese stattfinden und wie sie im Detail ablaufen werden, ist noch in Planung, hieß es aus dem Verteidigungsressort.

Welche Altersgruppen getestet werden sollen, ist auch noch nicht restlos geklärt. Im Gespräch sind Tests ab zehn Jahren, ähnlich wie in der Slowakei, die als erstes Land Massentest für die Bevölkerung durchgeführt hat. Dabei haben Soldaten des österreichischen Bundesheeres geholfen und können ihre Erfahrungen nun in Österreich nutzen.

Zur Vorbereitung der Massentests vor Weihnachten werden ebenfalls in der ersten Dezemberwoche in ausgewählten Gemeinden mit hohen Inzidenzwerten Gratis-Testungen der Bevölkerung durchgeführt. Zu Beginn des neuen Jahres ist eine zweite Massentest-Reihe im ganzen Land geplant, gab die Regierung am Freitag bekannt. Zudem erfolgt seit Wochen der Ausbau der Screening-Programme mit dem Schwerpunkt „Schutz der Alten- und Pflegeheime“. Es wurden bereits 315.000 Tests ausgeliefert, weitere drei Millionen sind für ein engmaschiges Testnetz in den Alters- und Pflegeheimen gesichert.

Die Regierung hofft, durch Massentest weitere Lockdowns zu verhindern. „Einige Minuten für einen Test können einige Wochen Lockdown des ganzen Landes verhindern“, warb Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) um Verständnis für das Vorgehen der Regierung und bat die Bevölkerung um Unterstützung: „Wir bitten die gesamte Bevölkerung, dieses bundesweite Projekt zu unterstützen und sich daran zu beteiligen. Diese Massentests sind bis zur Impfung eine große Chance für Österreich, den Weg zur Normalität zurückzufinden.“

Intensive Testungen, Screenings und Massentestungen können ein probates Mittel zur Pandemiebekämpfung sein, entscheidend sei aber, dass durch die Tests kein falsches Sicherheitsgefühl entsteht, „sondern dass sie nicht als Ersatz, sondern als zusätzliche Maßnahme zu Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Hygiene angenommen werden“, ergänzte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Die Universität Graz beschäftigt sich indes mit der Frage, ob Massentests für neun Millionen Menschen in Österreich innerhalb von wenigen Wochen überhaupt möglich sind. Derzeit werden täglich rund 30.000 Menschen in Österreich auf SARS-CoV-2 getestet. Laut dem Logistik-Forscher Marc Reimann könnte realistisch betrachtet eine Durchtestung der gesamten Bevölkerung zwischen vier und sechs Monate dauern, wie es am Freitag der Universität Graz zufolge hieß.

Logistikforscher Reimann hat Berechnungen angestellt: Gefragt war - unter der Voraussetzung, dass sich wirklich alle Österreicher auf SARS-CoV-2 testen lassen - ob man alle Österreicher innerhalb eines Monats durchtesten kann. Die überaus optimistischen Annahmen: „Alle drei Minuten wird eine Probe genommen, an den Teststationen entsteht nie - im gesamten Monat - auch nur eine winzige Pause.“ Um diese Zahl zu erreichen, müsste man an 1.000 Stationen sieben Tage die Woche, 15 Stunden täglich durcharbeiten. Damit käme man auf die benötigten 300.000 Tests pro Tag. Dies erfolgt allerdings unter der Prämisse, dass auch die Auswertungskapazitäten entsprechend vorhanden sind.

„Bei der gegenwärtigen Kapazität würden wir folglich zehn Monate brauchen, um ganz Österreich zu testen“, sagte der Forscher. Eine Verdoppelung der vorhandenen Ressourcen sieht er als realistisch, aber selbst dann würde ein Screening der neun Millionen Einwohner noch immer vier bis sechs Monate dauern.


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