Künstlerische Abrissbirnen: Leerstand kreativ genutzt

Das Projekt „Ein.Klang“ nutzt Leerstand kreativ: Bis das Einfamilienhaus in Innsbruck abgerissen wird, arbeiten dort Tiroler Kunstschaffende.

Das Innere eines Wohnhauses nach außen gekehrt: Das Büro Dear Udo bearbeitete die Fassade künstlerisch.
© Vanessa Rachlé/TT

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – In Innsbruck dürften wohl rund 2000 Wohnungen schon seit mehr als zwei Jahren leer stehen. Diese Zahl erhob die Stadt Anfang dieses Jahres. Der tatsächliche (inklusive kurzfristige) Leerstand dürfte freilich deutlich höher sein. Seit einigen Monaten stand auch das Haus in der Hinterwaldnerstraße in Hötting leer. Bis am 15. Oktober vier Tiroler Künstlerinnen und Künstler eingezogen sind. Für knapp vier Monate. Im Rahmen des Projekts „Ein.Klang“ sind drei Ateliers in bester Lage entstanden. Und: Kunst und Bauwirtschaft sollen dort auch weiterhin in Einklang stehen.

Hinter „Ein.Klang“ steckt BZW. Wohnbau GmbH, ein in Innsbruck situierter, noch junger privater Bauträger, der sich nicht nur die Realisierung nachhaltiger Lebens­räume auf die Fahnen schreibt, sondern auch mit seinem besonderen Umgang mit Leerstand in Tiro­l Schule machen möcht­e.

„Residency daheim“: Matthias Krinzinger hat sein Atelier temporär von Wien in die Heimat verlegt. Hier arbeitet er u. a. an seiner schon 2016 begonnenen Bearbeitung von Flohmarktbildern.
© Vanessa Rachlé/TT

Noch bis Ende Jänner nutzen deshalb Matthias Krinzinger, Andrea Lüth und das Kollektiv Experimental Setup (Bosko Gastager und Kata Hinterlechner) die Sechzigerjahre-Immobilie von BZW. in Hötting als kostenlosen Arbeitsplatz, mit dem gar nicht zimperlich umgegeangen werden muss. Im April, so der Plan, wird das Haus eh dem Erdboden gleichgemacht. Bis dahin sind die künstlerischen Abrissbirnen dort zugange – natürlich nicht um zu zerstören, sondern um Neues zu schaffen.

Die Kunstschaffenden arbeiten u. a. an einem konkreten Werk, das am noch zu entstehenden Mehrfamilienhaus realisiert werden soll. Auch bei diesem Konzept können sie sich einigermaßen frei entfalten: „Welche Fläche bespielt werden soll, wird nicht vorgegeben“, erklärt Wolfgang Zobl, einer von drei BZW.-Geschäftsführern, bei der gestrigen Präsentation des Projekts. Man verlasse sich da wie auch bei der Wahl des Mediums ganz auf die Kreativität der Künstlerinnen und Künstler. 15.000 Euro Produktions­budget stehen für das Kunst-am-Bau-Siegerprojekt bereit. 1000 Euro gibt es für die beiden anderen Konzepte.

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Ausgewählt wurden Krinzinger, Lüth und Experimental Setup übrigens von einer Jury, in der u. a. Büchsenhausen-Leiter Andrei Siclodi und Künstlerin Katharina Cibulk­a sitzen. Das Künstlerhaus Büchsenhausen hat den zweistufigen Wettwerb für BZW. organisiert.

Sechs öffentlich gefördert­e „Tiroler Ateliers“ gibt es in Büchsenhausen seit Anfang der 2000er. Übrigens die sechs einzigen in Tirol, betont Siclodi, der die schwierige Situation von Kunstschaffenden besonders in Innsbruck kennt. Leistbare Ateliers sind hier Mangelware. In „Ein.Klang“ sieht Siclodi ein mögliches Vorbild für andere private Bauträger. Bisher ist es vor allem die gemeinnützige Neue Heimat Tirol, die Kunst am Bau fördert.

Für BZW. ist „Ein.Klang“ das erste Projekt seiner Art, sicher aber nicht das letzte. Statt „temporärer Künstlerhäuser“ kann sich Zobl auch Nutzungen in Kooperation mit Gemeinden vorstellen. Dass im ersten BZW.-Projekt ein kreativer Geist eingezogen ist, kann man seit Oktober von außen sehen: Das Innsbrucker Design-Kollektiv „Dear Udo“ hat die Fassade künstlerisch bearbeitet. Ende Jänner stellen Krinzinger, Lüth und Experimental Setup ihre Konzepte für den Neubau vor. Welches realisiert wird, entscheidet die Jur­y im Februar. Bis Ende 2021 soll dann ein Haus mit fünf Einheiten entstanden sein, das auch wieder zum Wohnen genutzt wird.


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