Lockdown macht Freude in Museen, Ernüchterung in Theatern

Sie freue sich sehr, „dass die Öffnung der Museen, Bibliotheken, Büchereien und Archive wieder unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen möglich ist“, erklärte Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) am Mittwochnachmittag zu den ab Montag geltenden Lockdown-Bestimmungen im Kulturbereich. „Wir Menschen brauchen auch geistige und kulturelle Nahrung - ich bin froh, dass wir das zumindest in diesem Bereich wieder ermöglichen können.“

Da die epidemiologische Situation aber nach wie vor besorgniserregend sei, seien „leider weiterhin keine Kulturveranstaltungen mit Publikum möglich. Ich bedaure das sehr, es sind aber nach wie vor leider notwendige Maßnahmen. Die Bundesregierung wird alles daran setzen, möglichst bald einen weiteren Ausblick geben zu können, um auch den Veranstaltern, den Theater, Opern- und Konzerthäusern einen Planungshorizont für 2021 geben zu können“, so Mayer in einer Aussendung.

„Wir sind wahnsinnig glücklich, dass die Museen zu den Ersten gehören, die wieder aufsperren dürfen“, freute sich KHM-Generaldirektorin Sabine Haag im APA-Gespräch. Hier habe Kultursstaatssekretärin Mayer einen nicht einfachen Kampf gewonnen. Man werde nun sicherlich das Haupthaus am Maria-Theresien-Platz sowie das Weltmuseum bereits am erstmöglichen Tag, dem 7. Dezember, wieder öffnen und die weiteren Standorte „ehest möglich“ folgen lassen. Dazu müsse man jetzt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Publikumsdienste aus der Kurzarbeit zurückgeholt werden: „Es ist leichter, ein Museum zuzusperren als es wieder aufzusperren. Und natürlich hoffen wir, dass damit das Auf- und Zusperren ein Ende hat.“

Auch der Direktor des nahe liegenden Leopold Museums, Hans-Peter Wipplinger, zeigte sich glücklich ob der freudige Perspektive nach einer langen Durststrecke: „Es ist eine gute Nachricht für die kunstaffinen Menschen in dieser Stadt.“ Für diese hat das Leopold Museum ab kommender Woche mit einer Schau zu Emil Pirchan und der Jahresjubilarwidmung „Inspiration Beethoven“ gleich zwei neue Ausstellungen im Angebot. Klar sei jedenfalls, dass das Leopold Museum auch in Pandemiezeiten zu den sichersten Orten gehöre, habe man hier doch bezüglich Hygiene- und Präventionsmaßnahmen aus dem ersten Lockdown vieles mitgenommen. Dass man dafür weiterhin auf Abendveranstaltungen oder Führungen verzichten müsse, sei in Kauf zu nehmen. Nicht zuletzt habe man in puncto Digitalisierung einen großen Sprung nach vorne gemacht, unterstrich Wipplinger: „Wir haben in diesem Dreivierteljahr mehr gelernt als in den vorigen drei Jahren zusammen.“

„Ich bin sehr glücklich und zufrieden. Wir machen unsere Arbeit schließlich für das Publikum“, zeigte sich auch Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig froh über die Entscheidung der Politik. Mit der über 100 Arbeiten umfassenden Personale zum Werk von Maja Vukoje im Belvedere 21 haben man nun auch gleich eine neue Ausstellung im Talon, die man den Besucherinnen und Besuchern präsentieren könne.

Die in die erzwungene Schließzeit gelegten Renovierungsarbeiten im Oberen Belvedere sowie dem Belvedere 21 würden jedenfalls punktgenau bis zum 7. Dezember abgeschlossen. Und man werde am Dienstag (8. Dezember) wieder für die Museumsfreunde öffnen. „Wir waren schon im Stand-by-Modus“, unterstrich Rollig gegenüber der APA. Geschlossen bleibt indes das Untere Belvedere, wo man die Klima- und Sicherheitstechnik geplanterweise bis Frühjahr 2022 auf den neuesten Stand bringen werde.

Die Erfahrungen des Coronajahres 2020 seien dabei nicht nur negative. So habe man das Haus im Bereich der Digitalisierung sehr vorangebracht. Und man werde auch weiterhin daran arbeiten, die Bindung des Belvederes an die Wienerinnen und Wiener zu stärken. Das sei durchaus ein längerfristiger Prozess, der nicht in einem Krisenjahr erfolgreich abgeschlossen werden könne, gestand Rollig zu, habe man doch heuer die Zahl der Einheimischen unter den Besucherinnen und Besuchern nicht wirklich steigern können: „Wir haben merken müssen, dass ein Coronajahr keines ist, in dem die Menschen das Museum stürmen.“

Für ICOM Österreich, das Österreichische Nationalkomitee des UNESCO-assoziierten International Council of Museums, freute sich Präsidentin Bettina Leidl: „Gerade jetzt bieten Museen die Gelegenheit, sich während der Weihnachtsfeiertage sinnliche, emotionale und ästhetische Erlebnisse zu holen. Ich freue mich, dass die Museen in der Pandemie einen wesentlichen Betrag für die Gesellschaft leisten können!“ Museen seien „Orte der Auseinandersetzung, für die wir uns Zeit nehmen sollten. Austausch, Information, Wissenserweiterung, politische Bildung, Erinnerung, Gedenken und vor allem die Freude am Kennenlernen von etwas Anderem - Themen, Orten, Dingen, Geschichten und Menschen.“

Ähnlich Ingried Brugger, die Chefin des Bank Austria Kunstforum in Wien: „Ich freue mich natürlich riesig, nämlich aus mehrerlei Gründen: 1.) Weil es für mich unverständlich geblieben wäre, wenn Museen und Ausstellungshäuser geschlossen hätten bleiben müssen, während Shopping-Center besucht hätten werden können. Die Fähigkeit der Politik, endlich zu differenzieren, ist durchaus erfreulich. 2.) Weil es lässig ist, dass wieder Menschen unsere Richter-Ausstellung sehen werden können; und die von Herta Müller, die wir kommende Woche eröffnen werden. 3.) Weil sich auch mein Team freut, das alle erdenklichen Präventiv-Maßnahmen verinnerlich hat und verbessern wird, um einen ebenso inspirierenden wie tröstenden und sicheren Ausstellungsbesuch zu ermöglichen“, so Brugger in einem Statement gegenüber der APA.

„Ich freue mich sehr, dass die Österreichische Nationalbibliothek ihre Lesesäle und Museen wieder öffnen darf“, ließ Generaldirektorin Johanna Rachinger die APA auf Nachfrage wissen. „Und ich denke, dass die kulturinteressierte Öffentlichkeit ebenso erfreut ist. Gerade in einer für viele belastenden Zeit sind Orte wie Bibliotheken und Museen eine große Bereicherung für viele Menschen.“

Wenig Freude herrscht dagegen bei den Theatern, die erst am 7. Jänner wieder aufsperren dürfen. „Angesichts der Infektionszahlen, die noch immer sehr hoch sind, ist die Verlängerung für uns voraussehbar gewesen. Wir hatten mit Beginn des zweiten Lockdowns gesagt, dass wir die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als Theater mittragen. Wir wollen auf keinen Fall in einer Wellenbewegung von einem Lockdown zum nächsten schlittern. Das will sowieso niemand, und unsere Regierung muss das jetzt verlässlich in den Griff bekommen“, meinte Burgtheater-Direktor Martin Kusej zur APA. „Nachdem die Politik inzwischen sagt, dass die Entwicklung nun besser einzuschätzen ist, muss auch das Datum für eine Wiedereröffnung der Theater festgelegt werden. Wir brauchen als Theater und Kulturveranstalter Vorlauf und Gewissheit für Planung und Vorbereitung, d. h. dieser Termin muss haltbar sein. Unsere Präventionskonzepte sind sehr gut durchdacht und ausgefeilt, sodass wir damit öffnen können und hier nicht nachjustiert werden muss. Das Publikum war bisher fantastisch und äußerst diszipliniert - von unserer Seite her ist alles dafür vorbereitet, dass wir mit Freude, Kreativität und Spaß wieder Vorstellungen spielen können. Und wir möchten vor allem gerne jene Premieren zeigen, an denen das Burgtheater seit Wochen mit aller Kraft gearbeitet hat.“

Der neue Volkstheater-Direktor Kay Voges, der seinen Auftakt im frisch sanierten Haus für den 8. Jänner angesetzt hat, zeigt sich gegenüber der APA vorsichtig optimistisch: „Für uns wäre der 7. Jänner natürlich eine Punktlandung. Wir müssen jedoch die endgültige Entscheidung und die damit verbundenen Maßnahmen abwarten. Bis dahin arbeiten wir weiterhin an unseren geplanten Projekten und freuen uns auf unser Eröffnungsprogramm.“

„Die Entscheidung war ja wahrlich wenig überraschend, sodass wir schon letzte Woche unseren Plan präsentiert haben, fünf Abende für die ORF-Kameras zu spielen“, unterstrich indes Staatsopern-Direktor Bogdan Roscic in einem Statement gegenüber der APA: „Es zeigt sich nun, wie wichtig das war. Für den Jänner ist für uns absolut entscheidend, dass wir rechtzeitig disponieren und kommunizieren können. Sonst dürfen wir nämlich spielen, aber es kommt niemand. Das Publikum ist ja völlig verunsichert. Und natürlich ist es zentral, dass die mögliche Saalkapazität im Jänner dann eine vernünftige Zahl ist, wie wir sie vor dem Lockdown hatten.“

Durchaus Verständnis für die Entscheidung der Politik, die Theaterhäuser bis 7. Jänner geschlossen zu halten, zeigte im APA-Gespräch Bundestheater-Geschäftsführer Christian Kircher: „Die Gesamtzahlen sind immer noch hoch.“ Für die Häuser des Konzerns könne man nun immerhin sagen: „Wir haben Klarheit.“ Offen sind bei aller Klarheit jedoch weiterhin die finanziellen Folgen für die Bundestheater. „Wir rechnen hier praktisch täglich mit neuen Szenarien“, so Kircher. Fix sei nur, dass die bis dato erhaltenen 10,4 Mio. Euro an Covid-Sondermitteln bis 7. Dezember gedacht waren - die Kompensationen für die Zeit bis 7. Jänner also verhandelt werden müsse.

Kircher geht dabei davon aus, dass die allgemein für die Kultur in Aussicht gestellten 50 Prozent Umsatzrefundierung aus dem Vorjahresvergleichszeitraum bis Jahresende respektive der Fixkostenzuschuss im Jänner für die Bundestheater nicht schlagend werde. Hier müsse man wieder eine gesonderte Lösung finden. Vorerst bleibt der Kartenverkauf jedenfalls weiterhin ausgesetzt. Vor der von politischer Seite avisierten Evaluierung Mitte Dezember könne er sich dies auch noch nicht vorstellen, betonte Kircher: „Ohne klare Perspektive sehen wir keine Möglichkeit, sehr rasch mit dem Kartenverkauf zu beginnen.“

„Natürlich würden wir gerne wieder aufsperren“, stellte im APA-Gespräch Christian Dörfler, der neue Obmann des WKÖ-Fachverbands der Kino-, Kultur- und Vergnügungsbetriebe, für seine Branche klar. Zugleich müsse man auch bedenken, dass die Filmbranche international sehr vernetzt sei und nach wie vor die großen Blockbuster fehlten. „Ich kann Kinos ohne das Produkt Film nicht öffnen - das geht einfach nicht“, machte Dörfler deutlich. Insofern könne er nicht einmal ausschließen, dass die Kinos auch über den 7. Jänner hinaus - und dann freiwillig - zublieben.

„Das Schlechteste wäre, wenn wir für unsere Branche einen dritten Lockdown hätten“, unterstrich der Kino-Obmann. Durch den zweiten seien alle Bemühungen im Zuge des Wiederhochfahrens zunichtegemacht worden. „Deshalb ist auch klar, dass wir, wenn wir wieder aufsperren dürfen, unbedingt eine Marketingunterstützung benötigen.“ Die in Aussicht gestellte 50 Prozent Umsatzrefundierung für den Dezember würden zwar die Kosten für diesen Monat decken - „aber die Monate davor gingen so sehr an die Substanz - da ist das doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“. Wenn er etwa sein eigenes Kino, das English Cinema Haydn in Wien, als Beispiel heranziehe, habe er 90 Prozent Minus seit dem Lockdown gegenüber 2019.

Deutlich kritischere Worte fand Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren: „Weiter zu, wieder offen - das Szenario für die Kunst und Kultur beginnt sich zu wiederholen. Kunst und Kultur wurden - ausgenommen Bibliotheken und Büchereien - mit dem ersten Einstieg in den zweiten Lockdown geschlossen und kehren beim Ausstieg aus dem zweiten Lockdown gemeinsam mit den Museen und Galerien wieder ins öffentliche Leben zurück. Für alle anderen im Kunst- und Kulturbereich zeichnet sich eine wenig erfreuliche Perspektive für viele kommende weitere Wochen ab.“ Es sei zu befürchten, dass die Zahlen aufgrund der Handels- und Schulöffnungen hoch bleiben und nach einiger Zeit eher wieder steigen werden. „So verständlich es ist, dass man nicht tatenlos zusehen kann, wie das Weihnachtsgeschäft ruiniert wird, so unverständlich ist es aber andererseits auch, geschieht nichts, um Schäden im Kunst- und Kulturbetrieb abzuwenden.“ Eine Öffnung der Kunst- und Kulturbetriebe sei wohl kein größeres Gesundheitsrisiko als die Öffnung des Handels für das Weihnachtsgeschäft.


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