Popszene vom „kompletten Stillstand“ zu leichtem Optimismus

Ruhig war es heuer in einem Sektor, der üblicherweise einer der lautesten im Kulturbetrieb ist: Popmusik. Das Coronavirus verunmöglichte für viele Monate Livekonzerte, etliche Künstler haben zudem neue Veröffentlichungen verschoben. Das bekam auch Kerstin Breyer, Label- und Agenturbetreiberin, deutlich zu spüren. „Die ersten Monate haben für unsere Branche beinahe einen kompletten Stillstand bedeutet.“

Das hieß vor allem auch: „Sämtliche Einnahmequellen brachen von der einen auf die andere Minute weg“, erinnerte sich die Wienerin im APA-Interview an das Frühjahr. „Alle Betroffenen waren in einer Art Schockstarre gefangen, da ihnen so abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen worden ist. Man hat sich im Stich gelassen gefühlt und ein wenig hilflos. Niemand wusste, wie und vor allem wann es weitergehen wird.“

Seitdem ist einiges passiert. Zwar gab es im Sommer und Herbst ein kurzes Aufflackern des Livegeschäfts, allerdings führten die rapide anwachsenden Infektionszahlen das Land in den vergangenen Wochen Schnurstraks in den zweiten Lockdown. Dennoch habe sich „dieses Gefühl der Perspektivlosigkeit“ aktuell gebessert, meinte Breyer. „Die Menschen sind wieder ein wenig zuversichtlicher und beginnen zu planen. Veröffentlichungen und Konzerte bekommen Daten zugeordnet und rücken damit in greifbare Nähe.“

Die Unterstützung für den Popsektor durch die öffentliche Hand in diesen schwierigen Zeiten kommentierte Breyer eher zurückhaltend. „Die Lobby für unsere Branche ist erschreckend klein, da gibt es auf jeden Fall noch Luft nach oben. Wir waren für unsere Sparte einfach zu leise, obwohl wir ja eigentlich gewohnt sind, recht laut zu sein.“ Was konkrete Hilfszahlungen betrifft, sei laut Breyer der Härtefallfonds „unkompliziert einzureichen und zu erhalten“. Anders sehe es hingegen beim Fixkostenzuschuss aus, „das ist schon eine Nummer. Aber dafür haben wir ja unsere Steuerberater.“

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Dass das Jahr 2020 so herausfordernd werden würde, damit habe sie vor 12 Monaten jedenfalls nicht gerechnet. „Ich hatte dieselben Aussichten wie für die Jahre davor, sowohl beruflich als auch privat: Ich war neugierig auf das, was kommt, gespannt auf das, was man erleben wird, und woran und mit wem man arbeiten darf.“ Stattdessen müsse sie nun mit einem Verlust von 60 bis 70 Prozent auf das gesamte Jahr gesehen rechnen.

Immerhin mussten auch bei Wohnzimmer Records, ihrem gemeinsam mit Lelo Brossmann betriebenem Label, Releases verschoben werden wie beispielsweise das neue Kreisky-Album „Atlantis“. Konzerte wurden ohnehin beinahe komplett auf 2021 verlegt. „Diese Mehrarbeit für die PR-Agentur haben wir auf unsere eigene Kappe genommen, damit nicht noch mehr Belastungen auf die Künstler und Labels zukommen.“

Stichwort Konzerte: Der Alternative Livestream kann Breyer „kaum etwas abgewinnen“. Natürlich gebe es Ausnahmen, wie Nick Caves Darbietung im Alexandra Palace, die kürzlich als „Idiot Prayer“ veröffentlicht wurde. „Als PR-Tool und Social-Media-Content ist es jedenfalls ein Zugewinn, aber ich glaube nicht, dass sich diese Art von Konzerten in Zukunft durchsetzen wird, weil Emotionen auf digitaler Ebene nicht so zu transportieren sind wie ‚coram publico‘.“

Ihre eigene Arbeit sei wiederum schon vor Corona vielfach in digitale Sphären abgewandert. „Der persönliche Austausch mit Künstlern, Labels und Medien hat sich bereits in den vergangenen Jahren immer mehr auf E-Mail, Telefon oder WhatsApp verlagert“, so Breyer. „Ich persönlich freue mich aber schon wieder sehr auf persönliche Meetings, Treffen und Redaktionsbesuche.“

Bleibt der Ausblick auf die kommenden Monate, und da zeigt sich die Musikexpertin trotz der nach wie vor schwierigen Umstände durchaus optimistisch. „Die Latte liegt nach 2020 sehr tief. Alles darüber ist ein Gewinn. Ich bin aber überzeugt davon, dass es wieder aufwärts gehen wird. Spätestens im Herbst 2021.“

(Die Fragen stellte Christoph Griessner/APA)

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