Kulturhauptstadt-2024-Leiter sieht Beginn großer Umwälzungen

Der gebürtige Waldviertler Stephan Rabl ist künstlerischer Leiter der europäischen Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 und schon mitten in den Vorarbeiten für das große Projekt. Im APA-Interview spricht er - von seinem Büro in Bad Ischl aus - über seinen Zugang zum Salzkammergut, die wohltuende Arbeit an einem zukünftigen Unternehmen, ein verrücktes Jahr, warum Overtourism immer noch Thema ist und wie sich der Kulturbegriff verändert.

Das Salzkammergut ist dem 56-Jährigen nicht fremd, er war seit Auftritten als junger Künstler öfter in der Region. „Ich habe immer schon einen positiven Bezug zum Salzkammergut gehabt, aber jetzt lerne ich es so richtig kennen“, sprach er die Verschiedenheiten der einzelnen Orte und den dehnbaren Begriff der geografischen Grenzen an. Gemeinsam mit der kaufmännischen Geschäftsführerin Manuela Reichert baue er nun eine Bürostruktur, einen Betrieb auf.

Die Pandemie habe jedenfalls Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung. Ziel seien - unabhängig von Corona - keine Großevents, sondern „es geht darum, dass die zukünftigen Besucher sich Zeit nehmen“. Sie sollten in eine Region kommen, wo sie Kultur erleben und spüren können. Das Kulturhauptstadtjahr 2024 sei ein wichtiger Zukunftsfaktor. „Die Tatsache, es gibt ein Projekt, das noch ein bisschen weiter weg ist, aber so nah, dass ich daran glauben kann, das ist schon eine Art Kraft“, nahm er Bezug auf die derzeitige Unsicherheit im Kultursektor.

Das Programm sei im Entstehen, es gebe 45 Projekte als Ideen aus dem Bewerbungsbuch, an deren Konkretisierung er nun arbeitet und eine Vielzahl in der Pipeline aus den Gemeinden oder von außen. Die freie Szene vor Ort sei von Anfang an eingebunden gewesen. Bei der Vita von Rabl, der den Dschungel Wien aufbaute und bis 2016 leitete, etliche Jahre für das Linzer Schäxpir - Theaterfestival für junge Leute verantwortlich zeichnete, drängt sich die Frage nach der Partizipation der Jugend auf. „Wenn junges Publikum nicht Teil einer europäischen Kulturhauptstadt wäre, wäre es generell traurig, für mich beschämend“, kündigte Rabl an, dass es da viel geben wird. Dass kommendes Jahr das Festival der Regionen im Salzkammergut stattfindet, „sehe ich sehr positiv, weil es ein erster Teaser für die Region ist und wir auf diesen Erfahrungen aufbauen können“. Er steht in Kontakt mit dem künstlerischen Leiter Airan Berg, und „wir werden das genau beobachten“.

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Bis zum März dieses Jahres wurde im Salzkammergut viel über „Overtourism“ - mit Besucherbeschränkungen u.a. in Hallstatt - gesprochen, dann war es still, auch an den touristischen Hotspots. „Das wird auf alle Fälle Thema sein“, so Rabl. Im Lockdown gebe es keinen oder einen anderen Tourismus, etwa ähnlich der früheren Sommerfrische. Es gehe darum, sich Gedanken zu machen, welche Art von Tourismus man haben möchte, wenn diese Covidzeit vorbei ist, wenn auch die Nachwehen vorbei sind. „In einer Region wie dem Salzkammergut ist das Thema fast noch wichtiger geworden, die Projektansätze verändern sich.“

Nicht mehr dorthin zu kommen, wo wir 2019 waren, betreffe nicht nur den Tourismus sondern viele Bereiche der Gesellschaft. „Ich glaube wir sind am Beginn großer Umwälzungen, weil wir etwas erleben, was der Mensch noch nie erlebt hat. Weltweit zur gleichen Zeit ist das gesellschaftliche Leben fast ausgesetzt.“ Auch der Kulturbegriff werde sich verändern. Allein wegen der Fragen nach Förderungen und Unterstützungen, der Rückkehr der Besucher und der großen Kulturveranstaltungen. „Bad Ischl und das Salzkammergut werden mit den Partnerstädten in Norwegen und Estland die ersten sein, die in der Konzeption mit dieser Umwälzung beginnen.“ Dieser Prozess sei erst am Anfang.

Seit März habe er beobachtet, dass das Dasein als Künstler neu hinterfragt werde, berichtete der Intendant. Die ganze Kunstbranche frage sich: „Was ist mein Beruf noch wert?“. „Das Verrückte ist, nach der Freiheit der Kunst erleben wir die Einschränkung der Kunst seit zehn Monaten.“ So eine Regulation habe es bisher nicht gegeben. Man kannte Einschränkungen, „weil sich jemand dagegen aufgelehnt hat, weil es keine Förderung oder kein Publikum gab, aber der Künstler als Künstler konnte immer auftreten und konnte sein Kunstprojekt zeigen, und plötzlich ist er zurückgeworfen, er darf es nicht“. Darum passiere gerade etwas Inhaltliches.

Rabl glaubt, dass ein bestimmter Prozentsatz an Künstlern den Hauptberuf wechseln oder aufhören wird, und dass es auch bei den Einrichtungen und Projekten kommendes Jahr einen gewissen Prozentsatz nicht mehr geben wird. Denn das Verrückte sei, dass man kaum mehr über zukünftige Projekte rede. „Man ist mit der Gegenwart beschäftigt, alles dreht sich um Corona, man ist erschöpft, traut sich nicht mehr zu planen.“

Der Schauspieler, Performer und Theatermacher hat viele Austauschprojekte mit Afrika gemacht und sieht die westliche Welt jetzt in einer Situation wie sie dort immer herrscht, „man ist ständig mit der Gegenwart beschäftigt, weil alles passieren kann, man weiß nicht, was in einem Jahr ist“. „Da tut es allein auch gut, ein klares Projekt zu haben.“

Dieses Jahr habe er sich ständig damit beschäftigt, was möglich ist wegen der Coronamaßnahmen, immer Plan A, Plan B, Plan C gehabt. „Allein sich mit Projekten zu beschäftigen, wo ich das nicht denken muss - Plan A bis Z - tut gut“, sieht er die Arbeit für 2024 sehr positiv. Rabl leitete heuer das Szene Waldviertel Festival, das von Juni/Juli auf den Herbst verschoben wurde - zeitlich ausgedehnt und mit kaum internationalen Gästen. Von September bis zum zweiten Lockdown fand es statt, geplant wäre es bis 6. Dezember gewesen.

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