Neuer Leitfaden: Umdenken nötig für bessere Elternschaft nach Trennung

Die Doppelresidenz gilt als fortschrittliches Modell nach der Trennung von Eltern. Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt, es gibt auch Vätern mehr Raum. Ein neuer Leitfaden soll helfen.

Ein gemeinsamer Weg auch für getrennte Paare, dem Kind zuliebe.
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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Der Großteil der Scheidungen verläuft einvernehmlich – zumindest vor Gericht. Gestritten wird dann doch sehr oft, Leidtragende dabei sind immer die Kinder, die nicht selten instrumentalisiert werden. Die Initiative „Getrennt gemeinsam Eltern sein“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Elternschaft auch nach einer Trennung gelingen kann. Sie setzt sich aus Organisationen zusammen, die Kinder und Eltern vertreten: die Plattform für Alleinerziehende, Rainbows für Kinder und Jugendliche in stürmischen Zeiten, das Zentrum für Getrennt- und Alleinerziehende Juno und die Plattform Doppelresidenz.

Gemeinsam haben die Experten einen Leitfaden für Familien mit schwierigen Trennungssituationen erstellt, der es Betroffenen laut Soziallandesrätin Gabriele Fischer erleichtern soll, das für sie richtige Modell zu finden – faktenorientiert und mit Blick auf das Kindeswohl. Fischer: „Es geht darum, Kindern eine gute Zukunftsperspektive zu ermöglichen.“ Der Leitfaden wurde noch unter ihrem Vorsitz bei der Plattform für Alleinerziehende erstellt und wird inzwischen von Richtern, Juristen und Beratungseinrichtungen österreichweit als Standardwerk herangezogen.

„Nestmodell“ ist kein „Luxusmodell“

Für Barbara Baumgartner, Landesleiterin von Rainbows Tirol, ist es wichtig, die Doppelresidenz als Option zu sehen „und vielleicht in Zukunft sogar als primäres Modell, dass Kinder nicht nur wie meistens bei der Mama aufwachsen mit dem Papa als Besuchskontakt“, sondern bei beiden Elternteilen. Bei der Doppelresidenz leben die Kinder abwechselnd bei der Mutter und beim Vater. Eine Variante ist das so genannte „Nestmodell“, bei dem die Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben können und die Eltern pendeln.

Zur Situation Alleinerziehender

12 Prozent aller Familien in Österreich bestehen laut Statistik Austria aus nur einem Elternteil. In Tirol liegt der Anteil bei rund 10 %. 2019 betrug die Gesamtscheidungsrate in Österreich rund 41 %.

Von Armut betroffen: Alleinerziehende sind einer sehr hohen Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung ausgesetzt. 2018 waren 44 % betroffen, der Wert für die gesamte Bevölkerung liegt bei rund 17 %.

Vereinbarkeit mit Beruf: Kinderbetreuungspflichten mit einem ausreichenden Erwerbseinkommen zu vereinbaren, ist besonders für Alleinerziehende eine Herausforderung. In Tirol ist die Erwerbstätigenquote von Alleinerzieherinnen mit 85 Prozent besonders hoch, bundesweit sind es 73 Prozent.

Für Martin Christandl, Leiter der Männerberatung Mannsbilder Tirol, ist das aber ein „Luxusmodell“: „Es gibt nicht viele, die sich das leisten können. Aber es gibt Eltern, die sich darum bemühen.“ Er rät, das Gemeinsam-getrennt-Modell auszuprobieren. „In der Beratung sind es immer mehr vor allem junge Eltern, die sich auf die Trennung vorbereiten und sich fragen, was das Beste für ihr Kind ist. Sie sagen sich, o. k., wir schaffen es nicht als Mann und Frau, aber wie können wir gute Eltern bleiben und das Optimum für unsere Kinder herausholen.“ Allerdings müssten Väter und Mütter dafür auch jeweils genügend Zeit haben. „Männer müssen mit ihren Chefs verhandeln, ob es möglich ist, die Arbeitszeit zu reduzieren. Da tun sich Frauen heute noch leichter. Bei einer Arbeitswoche mit 50, 60 Stunden macht es keinen Sinn, das ist unverantwortlich.“

Aha-Erlebnis beim Thema Unterhalt

Aber es sei wichtig, dass Kinder ihren Papa nicht nur als „Actionman“ am Wochenende kennen, sondern auch im Alltag. „Väter sehen dabei wiederum, dass Kinder Geld kosten. Sonst lautet oft die Frage, was macht die Mutter mit meinem Unterhaltsgeld. Dem getrennt lebenden Elternteil fehlt oft das Verständnis dafür, was notwendig ist.“ Dieses Aha-Erlebnis führe dann manchmal sogar dazu, dass Väter bereit seien, ihre Unterhaltszahlung freiwillig zu erhöhen.

Eine neue Denkweise in der Gesellschaft, ein geändertes Bewusstsein sei nötig, damit Kinder gut ins Erwachsenenalter begleitet werden. Darin sind sich alle einig. Fischer fordert darüber hinaus eine Kindergrundsicherung als Grundlage, damit Kinder besser abgesichert sind und es weniger Konfliktpotenzial gibt. Näheres zur Doppelresidenz: www.getrenntgemeinsam.at


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