Staatsballett mit opulenter Uraufführung des neuen Direktors

„4“ lautet der schlichte Titel für eine große Willkommensgeste. Zum Einstand als künstlerischer Direktor des Wiener Staatsballetts hat sich Choreograf Martin Schläpfer mit seiner ersten Uraufführung fest in seinem Ensemble, in der Staatsoper und bei ihrem Orchester verortet. Der zweiteilige Ballettabend „Mahler, live“ wurde gestern, Freitagabend, allerdings weniger live als live zeitversetzt gegeben: Corona-bedingt fand die Premiere als Online- und Fernsehevent statt.

Einige wenige Journalisten durften neben den Kamerateams im Haus am Ring bei der Aufzeichnung dabei sein. Ein luxuriöses Erlebnis: Rund hundert Tänzer und etwa ebenso viele Musiker im Graben fahren mit der ganzen Pracht und Power des Hauses auf und machen die leere, elegante Staatsoper zum verschwenderischen Geheimtempel der Tanz- und Musizierkunst. Wunderbare Kostüme von Catherine Voeffray kleiden die Compagnie in schlichtem, asymmetrischem Deco und die Compagnie ist hier tatsächlich: die ganze. In seiner ersten Arbeit für seine neue Truppe wollte Schläpfer für jeden und jede einzelne choreografieren, auch für die Tänzerinnen und Tänzer der Volksoper. Corona zum Trotz.

Dass er ein Gespür für die Sollbruchstellen der Wiener Ballettsituation besitzt, die gleichzeitig ihre Stärken sein können, beweist Schläpfer nicht nur mit der Verneigung Richtung Gürtel, sondern auch mit der Wahl seiner Musik. Mit einer großen Mahler-Symphonie lockt man das philharmonische Staatsopernorchester in der A-Besetzung - sogar in den Ballettgraben. Und das hört man. Axel Kober, Vertrauter sowohl der Wiener als auch Schläpfers, vermittelt den rechtmäßig selbstverliebten Mahler-Klang der Wiener - in der Vierten geziert von Schmeichelei und boshaftem Aufflackern rund um Inseln der Seligkeit - friktionsfrei an die Tanzbarkeit.

Dort gibt sich Schläpfer, vor dessen zeitgenössischer Arbeit sich manche Freunde des klassischen Balletts in Wien gefürchtet haben, als Gentleman: versöhnlich, fast handzahm. In den vielen Portionen und Portiönchen der schwadronierenden Musik bringt er seine Leute würdig unter, verzichtet gerne auf Terminologie zwischen modern und neoklassisch, charakterisiert einzelne Figuren mit flinkem Skizzenbleistift, formiert die Compagnie als kokette Flaneure auf der Bühne, das erzählerische Potenzial jedes Körpers nur andeutend, Emotionen anbietend mit dem Bauchladen. Dass er ein Choreograf ist, dessen Kreationen stets aus der Musik, in der Musik und mit der Musik entstehen, mag man gewusst haben. Seine Mahler-Visualisierung zeigt es eindrucksvoll.

Gepaart wurde die neue Arbeit mit einem modernen Klassiker: „Live“ von Hans van Manen, 1979 als erstes Video-Ballett entstanden und seither nie außerhalb van Manens eigener Compagnie getanzt, durfte nach Wien. Der verdoppelte Live-Video-Effekt durch die Fernsehübertragung ist fast schon ein Treppenwitz der Tanzgeschichte, als hätte van Manen vor vierzig Jahren ein Ballett für das Coronazeitalter geschaffen. Olga Esina, Charakterballerina mit jeder Faser, ist die einsame Tänzerin im Pas de deux mit der Handkamera (seit 1979 durchgehend Kameramann: Henk van Dijk). Ihr Körper wird en detail auf die Leinwand übertragen. Finger, Schuhe, Nacken, dann wieder Silhouette.

Sie geht hinaus aus dem Saal, trifft beim leeren Pausenbuffet auf Marcos Menha - den neuen Ersten Solotänzer hat Schläpfer aus Düsseldorf mitgebracht - für ein leidenschaftliches Intermezzo und verschwindet schließlich hinaus in die nächtlichen Wiener Straßen. Der leere Zuschauerraum vor der leeren Bühne, auf der die Leinwand zeigt, wie die Tänzerin langsam in die Stadt entschwindet: ein Tableau Vivant als Altarbild für die Bühnenkunst in der Pandemie. Es wäre ein tristes Ende, folgte nicht nach der Pause Schläpfers opulenter, trotziger Gegenentwurf.

Seine erste große Uraufführung an der neuen Wirkstätte hat sich der neue Ballettdirektor sicherlich anders vorgestellt. Mit Publikum. Ohne Coronafälle in der Probenzeit. Aber sein unabdingbares Credo, dass Kunst immer im Heute zu sein hat, auch bei klassischen Techniken stets Zeitgenossenschaft besitzt, zeigt ihre Kraft da, wo die Kunst in sinn- und spannungsvoller Beziehung zu den Bedingungen ihrer Zeit steht. Selten in der jüngeren Geschichte ist dieser Fall so treffsicher und so sinnlich eingetreten.

Arte Concert hat die gestrige Uraufführung live zeitversetzt übertragen, dort bleibt der Stream europaweit für 90 Tage abrufbar. ORF 2 strahlt Martin Schläpfers „4“ am 8. Dezember um 9.05 Uhr in einer Matinee aus.

)


Kommentieren


Schlagworte